Eine stinknormale Woche – Teil III

Eine stinknormale Woche Teil III

Was bisher geschah …

Ich bin Privatdetektiv, heiße Winston Gardner und betreibe eine kleine Detektei in Brooklyn. Keine gutgehende Detektei, eher Mittelklasse. Das Geld ist ständig knapp und meine Klienten gehören nicht gerade zur Upper Class. Aber das ist nun einmal der Job, den ich mir ausgesucht habe. Der mir manchmal Spaß macht, den ich aber meistens hasse.

 Aber … kommen wir zur Sache …

Eine Klientin hatte mich beauftragt, ihre Freundin Jane Simmons, zu finden. Sie war jetzt seit 4 Tagen verschwunden und arbeitet als Tänzerin im Cocoon, einem Club in Downtown. Der gehörte Mickey O’Rourke, einem irischen Gangster, der Prostitution, Drogenhandel und Alkoholschmuggel betrieb.

Mickeys Organisation beherrschte einen Großteil der Stadt und war der Gegenpart zur italienischen Mafia, die in diesen Tagen von Luigi Camberti geleitet wurde. Die Grenzen zwischen beiden Gangs waren klar abgesteckt und beide hielten sich an den vereinbarten Waffenstillstand. Sie hatten vorgesorgt und schmierten sowohl die Bullen wie auch Politiker, den Bürgermeister und die meisten Stadträte.

Als ich den Club aufsuchte, wurde ich verprügelt und als ich mich in einer dunklen Gasse hinter dem Etablissement meinen Schmerzen hingab, entdeckte ich Janes Leiche in einem Müllcontainer mit einem Loch in der Stirn.

Nachdem ich den Fund der Leiche gemeldet und Clark Olsen vom NYPD mir geraten hatte, mich aus dem Fall herauszuhalten, stattete ich Mickey O’Rourke einen Besuch in seinem Club ab. Ich war erstaunt, dass der Gangsterboss so offen mit mir sprach und war nach dem Gespräch fast von seiner Unschuld an dem Mord überzeugt. Das Interesse des Barkeepers an unserem Gespräch machte mich allerdings nachdenklich.

Doch bevor ich ihn mir vornehmen würde, musste ich erst eine Mütze Schlaf nachholen und fuhr nach Hause.

 

Ich knurrte den Zwerg an, der mit dem Hammer das dünne Blech im meinem Kopf so begeistert bearbeitete, dass er wie ein Bass dröhnte. Brummend schlug ich die Augen auf und versuchte mich aufzusetzen. Doch der heftige Schwindel, der sofort darauf einsetzte, zwang mich in die Horizontale zurück.

Vorsichtig öffnete ich die Augen und schloss sie gleich wieder, denn das helle Sonnenlicht, das durch die Fenster meines schäbigen Appartements drang, stach wie eine Nadel direkt in mein Hirn.

Mickeys Gorillas hatten ganze Arbeit abgeliefert, denn jeder Zentimeter meines Körpers schmerzte von ihren Schlägen.

»Endlich aufgewacht?«

Die dunkle, warme Stimme würde ich unter tausenden erkennen, denn sie gehörte meiner attraktiven Klientin Claire Decomte. Ich öffnete die Augen nur ein paar Millimeter und spähte hindurch. Sie war allein und hatte sich auf dem Rand meines Bettes niedergelassen. Beruhigt klappten meine Augenlider wieder herunter.

»Hast du Schmerzen?«

Ich registrierte verwundert das vertraute Du.

»Nur wenn ich lache. Wie bist du hereingekommen?«

Was sie konnte, konnte ich schon lange.

»Das hier ist nicht gerade Fort Knox. Ich kenne mich auch ein wenig aus«, erwiderte sie und ich spürte ihr Lächeln trotz meiner geschlossenen Augen. Ich spürte aber noch etwas anderes. Ihr Gesicht war meinem verdammt nah. Hastig riss ich die Augen auf und da war sie, ihre Augen nur knapp von meinen entfernt, ihr Mund nur knapp von meinem. Ich atmete heftiger.

»Ich wollte mich nur bei dir bedanken.«

»Wofür?«

Meine Stimme war nicht mehr als ein heiseres Krächzen.

»Du hast Mickey nicht von mir erzählt.«

»Das gehört zum Service.«

Diesmal sah ich ihr Lächeln und es trieb sofort junge Sprossen in mein Herz. Sie senkte den Kopf noch ein wenig und gab mir einen Kuss auf die Lippen. Mein Herz lief Amok.

Beherzt zerrte ich meine Arme unter der Bettdecke hervor, schob sie ein wenig von mir weg und setzte mich endlich auf. Der Zwerg in meinem Kopf legte wohl gerade eine Pause ein und das Sonnenlicht schmerzte plötzlich nicht mehr, denn es klappte problemlos mit dem Aufsetzen.

»Miss Decomte, hat ihnen schon einmal jemand gesagt, das sie Gift für Patienten sind?«

Ihr helles Lachen stimmte mich fröhlich. Warum auch immer, sie hatte wirklich etwas für mich übrig. Auch wenn ich mir beim besten Willen nicht erklären konnte, was sie an einem heruntergekommenen, mehr oder weniger versoffenen Privatdetektiv wie mir fand. Meine schäbige Behausung schien sie ebenfalls kein Stück zu stören, denn sie benahm sich, als sei sie nie woanders gewesen.

Aber warum war sie dann mit einem Typen wie Mickey zusammen? Ich würde es herausfinden, nahm ich mir fest vor. So sehr ich sie auch mochte, ihre Beziehung zu Jane machte sie nun einmal ebenfalls zu einer Verdächtigen. Sie nach beidem einfach zu fragen, erschien mir nicht richtig.

Ihre Nähe machte mich ganz kirre, daher beschloss ich, geschäftsmäßig zu werden.

»Erzähl mir von Jane.«

Ihr Blick wechselte schlagartig von strahlend zu tieftraurig und Tränen schimmerte in ihren Augen. Sie stand auf und ging zum Fenster hinüber, blickte über die Stadt.

»Als ich damals nach New York kam, war ich sehr einsam. Außer Mickey, der damals ein Freund meines Stiefvaters war, kannte ich hier keine Menschenseele. Ich war ein einfaches Mädchen vom Lande und dieser riesige Moloch, der sich Stadt nennt, mit all seinen Verbrechen und Lasterhöhlen, versetzte mich regelrecht in Panik und machte mir Angst. Mickeys Geschäfte und die Leute, mit denen er sich umgab, förderten diese Angst nur noch. Ich überlegte, von ihm wegzugehen, doch wo sollte ich schon hin? Ohne Geld und ohne Freunde?

Im Club lernte ich Jane kennen und wir verstanden uns auf Anhieb.  Unsere Gedanken und Gefühle befanden sich auf der gleichen Ebene, sie war fast wie eine Schwester für mich. Mit ihr konnte ich über alles reden, wirklich über alles und sie verstand mich.

Aber jetzt ist sie tot und ich bin wieder allein …«

Während sie sprach, hatte ich Anzughose und Hemd aus dem Schrank geholt, übergestreift und meine Wangenknochen überrascht im Spiegel betrachtet, denn sie schillerten in allen Farben des Regenbogens. Als ihr Schluchzen erklang, wandte ich mich um, trat dicht hinter sie und legte meine Arme um ihren zitternden Körper.

»Du hast Mickey …«

Abrupt drehte sie sich zu mir um und Zorn blitzte in ihren wunderschönen Augen auf.

»Du denkst, Mickey und ich …«

Mein Herz sprang wie ein Jojo auf und ab. Sie war also nicht Mickeys Freundin?

»Man hört so einiges.«

»Dann glaub nicht alles, was du hörst. Mickey hat mir sehr geholfen, aber er ist nur ein Freund und er hat nie etwas versucht. Er benimmt sich mir gegenüber wie ein Gentleman, hat sich auch gefreut, als ich in Jane eine Freundin fand. Solange ich mit ihr nicht über seine Geschäfte sprach, hatte er nichts gegen unsere Verbundenheit einzuwenden.

Außerdem ist er mit einer reichen Engländerin zusammen, mit Clarice Fuller.

Er hat Jane nicht getötet.«

Noch immer blitzten ihre Augen wütend, was sie für mich nur noch begehrenswerter machte.

Wen interessierte, dass sie eine Verdächtige war? Scheiß drauf!

Ich nahm meinen Mut zusammen und küsste sie lange und intensiv. Als der Kuss endete, standen wir einen Moment stumm da.

Ich, weil ich nicht wusste, wie sie reagieren würde.

Sie, etwas atemlos, mit gesenktem Blick.

Als sie nach einer gefühlten Ewigkeit den Kopf hob und ihre Augen strahlten wie der Sonnenaufgang über Tahiti, atmete ich befreit und erleichtert auf. Ich strahlte zurück.

So schön es mit ihr auch war, ich hatte noch einen Job zu erledigen. Sie bezahlte mich schließlich nicht fürs Küssen. Also wandte ich mich ab, um mein Outfit zu vervollständigen. Schweigend und lächelnd stand sie da und schaute mir dabei zu.

»Was hast du vor?«

»Eine wundervolle, junge Dame hat mich beauftragt, den Mörder ihrer Freundin zu finden. Nun, ich bin noch nicht fertig damit und habe einen Job zu Ende zu bringen.«

Sie trat dicht vor mich mit ihren strahlenden Augen.

»Bin ich das?«

Ich schaute sie fragend an.

»Wundervoll?«

»In manchen Momenten.«

Wieder erklang dieses wundervolle, helle Lachen und ich küsste sie erneut.

»Du hast nicht zufällig die Adresse von dem Barkeeper?«

»Von Jerry? Er wohnt über dem Club in einem von Mickeys Appartements.«

Ihr Blick fiel auf mein Schulterhalfter und den Revolver.

»Sei bitte vorsichtig.«

Ich nickte und ließ sie allein. Mit wenigen Schritten war ich die Treppe hinunter auf der Straße und öffnete die Tür meines Horch Roadster. Ich ließ mich in den Sitz fallen und horchte in mich hinein. Dort drinnen hatte sich etwas bei mir verändert, doch es fühlte sich saumäßig gut an.

Während ich den Zündschlüssel herumdrehte und der schwere Achtzylinder ertönte, hoffte ich egoistisch, dass sie kein Spiel mit mir trieb.

© Uwe Tiedje

 

 

 

 

 

 

 

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