Der Kollaborateur

Diese Kurzgeschichte habe ich für eine Challenge verfasst. Vorgegebene Länge eine Seite und 5 Wörter, die drin sein mußten.

Die Wörter: Ruderboot, Ei, Lederhose, Schnee, Kollaborateur

 

 

Weit entfernt hallte das Heulen der Sirenen durch die Straßen der Stadt hinaus zu dem Mann, der einsam am Ufer des Sees knietief im Schnee stand und lauschte.

Luftangriff! Es würde nicht mehr lange dauern, bis die Flugzeuge der Alliierten am Himmel erschienen und ihre tödliche Last abwarfen.

Mühsam legte der Mann die letzten Meter zum Ruderboot zurück und stieg hinein. Sein Magen knurrte, denn mehr als ein Ei hatte er heute früh nicht gegessen. Seine Gedanken kehrten zurück zu dem Gespräch mit Oberstleutnant Gerber am gestrigen Abend. Er, der französische Kollaborateur und der deutsche Oberstleutnant, lernten sich lange vor dem Krieg kennen.

Damals waren sie Freunde, spielten zusammen im gleichen Fußballverein und toben wie alle Kinder in kurzen Lederhosen über die weiten Felder und durch die dichten Wälder.

Müde schüttelte der Mann seine Gedanken ab. Vergangen, vorbei. Heute hassten ihn seine eigenen Landsleute für das, was er war – ein Verräter.

Widerstrebend ergriff er die Ruder und zog sie kräftig durch das Wasser.

Lautes Brummen erfüllte plötzlich die Luft, als die ersten Bomber am Himmel über ihm erschienen. Luken öffneten sich und Gegenstände fielen heraus. Zuerst nur kleine schwarze Punkte, langsam immer größer werdend, bis das Auge sie als das  identifizieren konnte was sie waren.

Tödliche Instrumente, geschaffen für die totale Vernichtung.

Schrilles, grelles Pfeifen drang an sein Ohr, wurde immer lauter, erfüllte ihn schließlich mit panischer Angst.

Bis die schwere Bombe den Rumpf des Bootes durchschlug und es mit dem in ihm sitzenden Mann lautlos im eisigen Wasser des Sees versank.

© Uwe Tiedje 2020

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