Leseprobe: Silvia Nagels – Johanniskind: Bedrohung

Leseprobe: Silvia Nagels – Johanniskind: Bedrohung

Aus den Aufzeichnungen Bruder Oswalds von Egmond

‚Neid und Zwietracht herrschen unter den Fürsten der Menschenwelt ob der Tatsache, dass es ihnen verwehrt ist, den sagenhaften magischen Lapis nitidus für ihre Zwecke zu missbrauchen. Nur ein Johanniskind ist in der Lage, ihn zu beherrschen und zwischen den Welten zu wandeln.
Das Bestreben des machthungrigen Zauberers Nekke, den glänzenden Stein in seine Gewalt zu bringen, löste einen Krieg in der magischen Welt aus. Die Völker bekämpften sich, um in den Besitz des wundersamen Steins zu gelangen.
Nach grausamem und verlustreichem Kampf besiegten die verbündeten Herrscher der Zwischenwelt den Schwarzmagier. Er wurde unter schweren Bannsprüchen eingekerkert und die Brücke zwischen den Welten geschlossen. Fortan war es den Menschen nicht mehr möglich, die Welten zu wechseln. Nur einem Johanniskind war es erlaubt, mithilfe des Lapis nitidus einen Blick in die Zwischenwelt zu werfen.
Auf Beschluss der Könige der Licht- und Dunkelwelt wurde ich ausersehen, den Lapis nitidus zu bewahren, bis die Welten sich seiner würdig erweisen und die Gefahr, dass Nekke entkommt und sich seiner bemächtigt, gebannt ist.
Denn sollte er ihn jemals erlangen, werden Menschen- und Zwischenwelt der immerwährenden Dunkelheit des Bösen anheimfallen.
Gegeben zu Kloster Egmond im Jahre des Herrn 980′

Januar 1362

1 Rungholt

Pfarrer Alard von Leck wälzte sich unruhig in seinem Bett hin und her. Wild schlug er mit den Armen und verhedderte sich in den Vorhängen, die ihn in der Nacht vor Zugluft schützten. Endlich schaffte er es, sich von dem Albtraum zu lösen, der ihn bereits seit einigen Wochen heimsuchte. Er setzte sich auf, glättete seine Kutte, und murmelte erleichtert ein Dankgebet. Von Durst gequält verließ er die wohlige Wärme des Bettes. Auf nackten Füßen ging er über den mit Binsen bestreuten Fußboden aus festgestampfter Erde zu dem grobgezimmerten Holztisch, auf dem der Krug mit Wasser stand. Er nahm einen großen Schluck, ohne sich die Mühe zu machen, einen Becher zu suchen. Ein gewaltiger Donnerschlag ließ ihn zusammenzucken, das kleine Grassodenhaus erbebte. Blitze flackerten und warfen ihr Licht durch die schlecht schließenden Fensterläden.
»Heiliger Vater im Himmel, beschütze Deinen Diener.«
Alard schauderte, stellte den Krug zurück auf den Tisch und tastete nach einem Binsenlicht. Er ging zur gemauerten Feuerstelle, stocherte in der Glut und legte etwas Torf nach, bevor er einen Kienspan entzündete und an das Licht hielt.
Zaghaft flackerte es in der Zugluft und beleuchtete den einzigen Raum der karg eingerichteten Hütte. Neben Tisch, Bett und Feuerstelle gab es nur noch einen Hocker und Haken an der Tür, an denen der Umhang und eine zweite Kutte des Pfarrers hingen.
Alard stellte das Licht zurück auf den Tisch. Er nahm seine dicken Wollsocken, die über der Feuerstelle zum Trocknen hingen, und zog sie an. Anschließend schlüpfte er in seine Sandalen, kehrte zum Tisch zurück und ließ sich auf den Hocker fallen.
Welcher Teufel sandte ihm nur ein ums andere Mal diesen fürchterlichen Traum? Ständig kehrten die gleichen Bilder wieder. Ein unscheinbarer, leicht glänzender Stein. Glühendrote Augen unter einer schwarzen Kapuze, dunkel verfärbte spitze Zähne in einem weit aufgerissenen Mund, der ein ohrenbetäubendes, bösartiges Lachen ausstieß. Dazwischen immer wieder die kleine Kirche von Rungholt, Alards Gemeinde. Der Pfarrer konnte sich keinen Reim darauf machen, als er sich an die Fragmente des Traums erinnerte.
Wieder flackerten Blitze, gefolgt von einem Donner. Es regnete schon seit Tagen ununterbrochen, und der Wind fegte über das flache Land an der Nordseeküste. Die Flut brachte das Wasser mittlerweile beängstigend nah an die Deiche heran, selbst bei Ebbe lief es nicht vollends zurück ins Meer.
Ein Schauer überlief Alard, als ihm endlich einfiel, was den heutigen Traum von denen vergangener Nächte unterschied.
Der Mund mit den spitzen Zähnen hatte gesprochen.
»Der Lapis nitidus ist Mein! Bring ihn mir! Tust du es nicht, so seid ihr dem Untergang geweiht! Dies ist mein letztes Wort! Er ist Mein!«, hallte die Stimme in Alards Kopf. Verstört schüttelte er sich. Von welchem Stein sprach sie nur? Der Pfarrer ließ die Bilder, die ihm der Traum vorgegaukelt hatte, an seinem inneren Auge vorbeilaufen. Wiederholt tauchte dabei das Taufbecken auf, doch Alard konnte sich nicht erinnern, dort jemals den Stein gesehen zu haben.
Wer war diese Gestalt mit den glutroten Augen? Eine Ausgeburt der Hölle? Welches Anrecht hatte sie auf diesen Stein, sollte es ihn tatsächlich geben?
Alard hob den Kopf. Draußen herrschte plötzlich Totenstille, kein Donner hallte, kein Regentropfen fiel, kein Wind blies. Stattdessen hörte der Pfarrer nach einer Weile ein leises Wispern. Lauschend neigte er den Kopf zum Fenster. Dann stand er auf und stieß den Fensterladen auf. Auch so vernahm er nur ein undeutliches Flüstern. Er schüttelte den Kopf, schloss den Laden und ging zur Tür. Zögernd öffnete er sie einen Spalt, er hatte den Eindruck, das Wispern und Flüstern umrundete in auf- und abschwellenden Wellen das Haus. Zitternd murmelte er ein Vater unser, und trat schließlich beherzt vor die Tür.
Sofort umhüllte das Raunen die gedrungene Gestalt des Pfarrers, schwoll an zu einem vielstimmigen Chor, der ihn von allen Seiten umgab. Nun endlich erkannte Alard die grausige Stimme. Es war dieselbe wie in seinen Träumen.
»Ich bin Nekke! Nekke!«, kreischte sie, und trieb den hilflosen Pfarrer vor sich her. »Er ist Mein! Bring ihn mir!«
Alard stolperte in Richtung Kirche, unfähig, sich aus dem Sog der Stimme zu lösen.
»Ich bin Nekke! Bring mir meinen Stein!«
Das grausige Gelächter aus Alards Träumen umgab ihn wie eine Wolke. Blutrote Augen blitzten auf und verfolgten die vergeblichen Bemühungen des Pfarrers, einen anderen Weg einzuschlagen.
Über die aufgeweichten Pfade wurde Alard zwischen den Häusern in Richtung Kirche getrieben, mehrfach rutschte er aus und fiel, sodass seine Kutte schlammbesudelt war. Niemand schien zu bemerken, was mit dem Pfarrer geschah. Kein Fensterladen öffnete sich, niemand schaute durch die Tür, um herauszufinden, woher die unheimlichen Stimmen kamen.
Pfarrer Alard schluchzte und tastete nach dem Rosenkranz, den er am Zingulum trug. Endlich fanden seine eiskalten Finger die vertraute Perlenschnur und inbrünstig betete er das Ave Maria.
Ein wütendes Kreischen hallte durch die dunkle Nacht. Schlagartig verstummten die Stimmen, die Alard vorangetrieben hatten.
Er fasste Mut und betete nun mit lauter Stimme. Mit jedem Wort schritt er furchtloser aus und erreichte nach kurzer Zeit die kleine Grassodenkirche. Ohne seine Gebete zu unterbrechen, öffnete er die Tür und betrat den Innenraum. Er eilte über den Lehmboden auf den Altarraum zu, wo das Taufbecken stand.
Der Geistliche sank erschöpft auf einen der Holzsitze, die in der Kirchenwand eingelassen waren, und betrachtete den unscheinbaren Taufstein. Das aus einem Findling herausgearbeitete Becken war nur vereinzelt mit Steinmetzarbeiten verziert. Der Pfarrer kannte jede einzelne Darstellung auf dem Stein und ihm war bisher nie etwas aufgefallen, das dem Lapis nitidus aus seinen Träumen ähnelte.
Seufzend stand er auf, nahm das ewige Licht, das vor dem Tabernakel stand, und murmelte entschuldigend ein weiteres Gebet. Langsam umrundete er das Taufbecken und beleuchtete es gründlich. Nichts wies darauf hin, dass sich ein glänzender Stein daran befand. Pfarrer Alard sank auf die Knie und beleuchtete den Sockel des Taufsteins. Auf der Suche rutschte er um das Becken herum und befühlte den Fuß. Lehm hatte sich an einigen Stellen festgesetzt und Alards Finger kratzten darüber, um ihn zu lösen. Seine Bemühungen schienen vergeblich, nur einige Bruchstücke fielen auf den Boden.
Entmutigt wollte er sich wieder aufrichten, als er ein leichtes Glitzern im Schein des ewigen Lichts bemerkte. Er bewegte die Flamme auf und ab, und wieder sah er ein Funkeln. Eilig beugte er sich hinunter und kratzte so lange, bis er einen fast faustgroßen Stein freigelegt hatte, der am unteren Ende des Sockels eingelassen war.
Auf den ersten Blick wirkte er unscheinbar, erst als Alard das ewige Licht erneut in seine Nähe hielt, glitzerte und schillerte er in allen Regenbogenfarben. Alard starrte vor sich hin. Das musste sein, was er gesucht hatte. Doch was sollte er damit machen? Die unheimliche Gestalt aus seinen Träumen, die sich Nekke genannt hatte, wollte den Lapis nitidus unbedingt. Aber wer war dieser Nekke und was wollte er damit? Es schien, dass dieses Wesen keine Möglichkeit hatte, ihn selbst zu holen, es benötigte Alards Hilfe.
Aber aus welchem Grund? Warum quälte es den Pfarrer mit den Albträumen? Jeder hätte in die Kirche gehen und den Stein holen können, warum also hatte Nekke sich ausgerechnet an den Pfarrer gewandt? Alard lehnte sich mit dem Rücken an das Taufbecken und schüttelte verwirrt den Kopf. Er hatte keine Ahnung, was er jetzt machen sollte. In seiner Hilflosigkeit fasste er erneut nach seinem Rosenkranz und betete leise zur Jungfrau Maria.
Das Heulen des Sturms, der wieder eingesetzt hatte und wild um die Kirche tobte, begleitete das gemurmelte Gebet. Plötzlich öffnete sich die Kirchentür und ein heftiger Windstoß ließ das ewige Licht unruhig flackern. Alard zuckte zusammen und blickte um das Taufbecken herum, um zu sehen, wer die Kirche betreten hatte.
Erleichtert seufzte er und erhob sich schwerfällig, als er den Neuankömmling erkannte. Die junge Agnes, Tochter des Webers Jaane, kam eingehüllt in einen dicken Umhang den Gang entlang. Als sie den Pfarrer bemerkte, blieb sie stehen und zog den Umhang eng um sich. Alard hob das Licht auf und ging langsam auf sie zu.
»Mein gutes Kind, hab keine Angst, ich bin es, Pfarrer Alard. Was treibt dich in dieser gottverlassenen Nacht in die Kirche?«
Alard konnte sehen, wie Agnes sich entspannte und erleichtert aufatmete. Er ging zu ihr und geleitete sie zu den Sitzen. Nachdem sie Platz genommen hatten, umfasste er beruhigend ihre eiskalten Hände und lächelte freundlich.
»Ich weiß es nicht, ehrwürdiger Vater«, flüsterte Agnes und sah Alard ängstlich an. »Ich habe seit einiger Zeit merkwürdige Träume. Bisher habe ich ihnen keine Bedeutung zugemessen, doch der Traum heute Nacht war so eindringlich, fast befehlend, dass ich mich ihm nicht entziehen konnte. Ich glaube, es war die heilige Muttergottes, die mir erschienen ist und sagte, ich solle in die Kirche gehen.«
»Du hattest eine Marienerscheinung? Berichte, mein Kind. Was ist in deinem Traum geschehen? Was hat die Mutter unseres Erlösers gesagt? Wie sah sie aus?« Aufgeregt fasste Alard die Hände des Mädchens fester.
Sie entwand sie dem Pfarrer, faltete sie in ihrem Schoß und schloss die Augen, um sich besser besinnen zu können.
»Ich ging erst spät zu Bett. Ich wollte das Altartuch für Euch fertigstellen, obwohl Mutter geschimpft hat, ich würde Licht verschwenden. Aber es fehlten nur noch wenige Stiche. Als ich schließlich schlafen ging, umfingen mich plötzlich angenehme Wärme und helles Licht. Eine schöne, dunkelhaarige Frau erschien, gekleidet in ein langes weißes Kleid und einen dunkelblauen Umhang. Sie lächelte mich freundlich an und ihre Augen strahlten in der Farbe ihres Umhangs. Ihre Hand strich über meine Stirn, als ich zurückweichen wollte. Mir wurde warm ums Herz, und ich verspürte keine Angst. Dann sprach sie mit einer Stimme, wie sie einem Engel gehören könnte.«
Agnes öffnete die Augen und lächelte Pfarrer Alard versonnen an. Er nickte und bat sie mit einer Handbewegung, fortzufahren.
»Das hat sie mir aufgetragen: Geh in die Kirche, mein Kind. Dort wirst du einen Stein finden, den Lapis nitidus. Er muss fortgebracht werden. Der Unhold Nekke verlangt nach ihm, aber er darf unter keinen Umständen in seine Hände gelangen. Der Stein trägt das Gleichgewicht der Welt in sich. Befindet er sich in der Hand eines Lichtwesens, so verstärkt er das Licht in der Welt, doch macht ein Dunkelwesen ihn sich zu Eigen, so verfällt die Welt in Dunkelheit. Weder das eine noch das andere trägt Gutes in sich, denn es muss ein Gleichgewicht der Kräfte auf Erden herrschen. Nur an einem Ort, an dem weder Licht- noch Dunkelwelt Macht haben, kann der Lapis nitidus in Sicherheit sein. Vor Jahrhunderten wurde in einer Beratung der Licht- und Dunkelwesen beschlossen, ihn in die Obhut der Kirche zu geben. Bruder Oswald von Egmond wurde ausersehen, den Lapis nitidus zu bewahren. Über viele Irrwege gelangte er nach Rungholt und dort ruhte der Stein für lange Zeit, ohne dass er in Gefahr war. Doch jetzt begehrt ihn der Schwarzmagier Nekke. Er hat sich dem gemeinsamen Rat der Licht- und Dunkelwelten widersetzt und versucht alles, um in seinen Besitz zu gelangen. Du bist ein unschuldiges Johanniskind, ebenso wie Alard von Leck. Gemeinsam mit ihm und einem dritten Johanniskind, das ich euch schicken werde, könnt ihr den Stein sicher aus Rungholt fortbringen. Doch ihr müsst euch beeilen, noch in dieser Nacht wird Nekke seine Drohung wahr machen und Rungholt in den Abgrund ziehen.«
Agnes schwieg. Pfarrer Alard fuhr sich verwirrt mit der Hand über den kahlen Schädel. Er verstand nichts von dem, was Agnes ihm mitgeteilt hatte. Einzig die Bedrohung durch Nekke kam ihm real vor, erinnerte er sich doch mit Grausen an die Stimmen, die ihn in die Kirche getrieben und diesen Namen gerufen hatten. Doch was es mit den Licht- und Dunkelwesen auf sich hatte, war ihm ein Rätsel. Auch glaubte er nicht mehr, dass es sich bei der Erscheinung in Agnes Traum um die Jungfrau Maria handelte.
»Was sollen wir jetzt tun, Vater Alard?«, unterbrach Agnes sein Grübeln. »Habt Ihr den Stein gefunden? Wisst Ihr etwas über das dritte Johanniskind?«
Alard schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, wen die Frau aus deinem Traum gemeint haben könnte, aber den Lapis nitidus habe ich gefunden.«
Agnes sprang auf. »Dann müssen wir ihn holen und fortbringen, noch heute Nacht.« Sie drängte sich an ihm vorbei in den Mittelgang. »Wo ist er? Ist er an dem Taufbecken? Habt Ihr deshalb dort gekniet? Worauf wartet Ihr noch, Herr Pfarrer? Wir haben keine Zeit zu verlieren.«
Alard stand mühsam auf und folgte Agnes, die zum Taufstein eilte. »Mein liebes Kind, wir können nicht fort, schon gar nicht in dieser Nacht. Wir können die Insel bei diesem Sturm nicht verlassen! Wohin sollten wir uns wenden und warum sollten wir dem Glauben schenken, was dir deine Erscheinung vorgegaukelt hat?«
Agnes, die den Stein entdeckt hatte, kauerte sich hin und ergriff das kleine Messer, das an ihrem Gürtel befestigt war. Damit lockerte sie den Mörtel, der den Stein im Sockel festhielt. Sie sah den Pfarrer entrüstet an.
»Sie hat mir nichts vorgegaukelt. Weshalb hat sie mich hergeschickt, wenn nicht, um Euch zu treffen? Weshalb hat sie mir Euren Namen genannt, wenn nicht, damit wir den Lapis nitidus gemeinsam retten? Ihr könnt es nicht leugnen, Ihr seid auf der Suche nach dem Stein gewesen. Auch Ihr seid von ihr in die Kirche geschickt worden.«
Alard schüttelte den Kopf und bekreuzigte sich. »Nein, eine unmenschliche Stimme hat mich in meinen Träumen verfolgt und mir befohlen, den Stein zu holen. Teufelswerk, die Dame, der Unhold und auch der Lapis nitidus! Wir sollten in unsere Hütten zurückkehren, mein Kind.«
Agnes zuckte mit den Schultern. »Wenn das Euer Wunsch ist, müsst Ihr gehen, ehrwürdiger Vater, ich glaube an das, was sie mir gesagt hat und werde den Stein in Sicherheit bringen.«
Sie hatte den Mörtel mittlerweile so weit entfernt, dass sie ihr Messer als Hebel einsetzen konnte, um den Lapis nitidus aus dem Sockel zu lösen. Er fiel heraus und rollte über den Boden auf Pfarrer Alard zu. Er beugte sich hinab und hob ihn auf. Als der Stein in Alards Händen lag, pulsierte er gleich einem menschlichen Herzen, und sandte im selben Rhythmus ein immer heller werdendes Strahlen aus. Erschrocken ließ der Pfarrer ihn wieder fallen.
Als Agnes danach greifen wollte, rief er entsetzt: »Fass ihn nicht an! Nimm ein Tuch und schlag ihn darin ein. Das ist Hexerei, der Stein lebt!« Hastig bekreuzigte er sich und griff nach dem Rosenkranz.
Agnes gehorchte und suchte in dem Beutel, der an ihrem Gürtel hing, nach einem Stück Tuch. Sie fand ein Stoffmuster und wickelte den Lapis nitidus darin ein. Dann steckte sie ihn in den Beutel, stand auf und ging auf den Pfarrer zu. Der wich erschrocken zurück.
»Bleib mir damit vom Leib, Agnes. Das kann nicht gut sein, ein Stein sollte nicht schlagen wie ein Herz!«
Die Kirchentür flog krachend auf, als eine weitere Person in die Kirche gelaufen kam.
»Agnes, ehrwürdiger Vater! Habt Ihr den Lapis nitidus gefunden? Wir müssen fort, auf der Stelle. Ich habe einen Weg gefunden, wie wir die Insel verlassen können, aber wir müssen jetzt gehen. Wir haben keine Zeit zu verlieren, Nekke zieht all seine unheilvollen Kräfte zusammen. Die Dame Lariana hilft uns, wo sie nur kann, aber wir müssen sofort los, sonst ist es zu spät!«
Ingwer, der Gehilfe des Schmieds kam hereingestürmt und zog im Laufen die Kappe von seinen blonden Haaren. Alard blickte zwischen Agnes und Ingwer hin und her.
»Was in Herrgotts Namen geht hier vor? Seid ihr von allen guten Geistern verlassen? Wer ist die Dame Lariana? Wie stellt ihr euch das vor, bei diesem Wetter die Insel zu verlassen? Hier ist das Böse am Werk!« Der Pfarrer schlug ein Kreuzzeichen nach dem anderen und umklammerte den Rosenkranz. Agnes trat zu Ingwer und ergriff seinen Arm.
»Dann bist du das Johanniskind, das sie uns schicken wollte. Ich hätte es mir denken können, da du auch am Johannistag geboren wurdest. Lariana heißt die schöne Dame? Ist sie dir auch erschienen? Ich dachte, es wäre die Gottesmutter.«
Ingwer schüttelte energisch den Kopf. »Nein, ist sie nicht, aber für Erklärungen haben wir jetzt keine Zeit. Zuerst müssen wir den Lapis nitidus finden und auf schnellstem Wege die Insel verlassen.«
Agnes lächelte und hielt dem jungen Mann den Beutel hin. »Den Stein haben wir bereits. Aber Vater Alard sträubt sich, weil er nicht versteht.«
Ingwer schnaubte ärgerlich. »Verstehen kann er später, jetzt ist es wichtig, dass wir uns auf den Weg machen. Lariana hat mir genaue Anweisungen gegeben. Vater Alard, wickelt Euren Rosenkranz um den Lapis nitidus, haltet ihn fest und betet. So kann Nekke ihn nicht spüren und hat keine Macht über uns. Agnes, geh an seine rechte Seite und bete ebenfalls.«
Agnes drückte dem verblüfften Pfarrer ihren Beutel in die Hand und half ihm, den Rosenkranz darum zu wickeln. Dann hakte sie sich unter, Ingwer ergriff den linken Arm des Pfarrers, der nicht wusste, wie ihm geschah, als er von den beiden jungen Leuten zur Kirchentür gezogen wurde. Ingwer sah seine Begleiter an, bevor sie aus der Tür in die stürmische Nacht traten.
»Und jetzt betet, ehrwürdiger Vater, ohne Unterlass, bis wir die Insel verlassen und zu St. Lamberti in Mildstedt Zuflucht gefunden haben!«

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