Am See

Am See

Das Rauschen der Blätter umhüllte ihn, als er einfach nur dasaß und über das dunkle Wasser des Sees schaute. Er kam oft hierher, um nachzudenken und Kraft zu tanken. Es war vollkommen still. Nur ab und an raschelte es leise im Gebüsch.
Die Nacht war sternenklar, der Mond fast voll und die Lichter am Himmelszelt spiegelten sich in der fast völlig glatten Seeoberfläche. Zwei Uhr fast, dachte er. In letzter Zeit fand er nicht richtig in den Schlaf. Dann schnappte er sich die Autoschlüssel und fuhr raus zum See.
Der Grund für seine innere Unruhe war etwa 1,70 m groß, schlank und hatte langes, dunkles Haar. Er war ihr Nachts begegnet, hier am See und beging den verhängnisvollen Fehler, ihr in die Augen zu schauen. Seither geisterte sie durch seine Träume. Dabei ging es nicht nur um körperliche Anziehungskraft. Noch heute wunderte er sich über die seltsame Art der Verbundenheit, die er beim Blick in die dunklen Augen gespürt hatte. So etwas war ihm bisher noch nicht untergekommen.
Er hatte selbst so viel zu geben, doch die Erfahrung zeigte, dass nur wenige bereit waren, so viel in eine Beziehung zu investieren. Immer wieder war er enttäuscht worden, dabei erwartete er wirklich nicht viel. Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass es bei ihr genau so sei. Auf seine „Wehen“ konnte er sich verlassen.
Er stand auf, tat ein paar Schritte und lehnte sich an einen Baum. Durch die dünnen Ärmel seines Hemdes fühlte er den Druck der Baumrinde. Trotz der späten Stunde waren es immer noch 25 Grad. Eine laue Sommernacht, die ihn mit Sehnsucht nach Nähe erfüllte. Ein leises Platschen drang an sein Ohr, als eine Ente ins Wasser stolzierte und ihre nassen Federn ausschüttelte.
Er war realistisch genug, sich einzugestehen, ein Träumer und Romantiker zu sein. Wie hoch war schon die Wahrscheinlichkeit, dass er sie jemals wieder sah? Und doch wünschte er sich nichts sehnlicher als das. Einen Moment schloss er die Augen und sah sie am Ufer stehen. Sie blickte verträumt auf den See hinaus und er trat an sie heran und schloss sie in seine Arme. Er spürte, wie sie sich entspannte und an ihn lehnte. In diesem Moment war er glücklich, nahm den Duft ihrer Haare wahr, schnuppert einen Hauch ihres Parfüms und fühlte ihren Körper nah an seinem…
Entschlossen schüttelte er den Kopf und öffnete die Augen. Langsam ließ er sich zu Boden sinken und setzte sich ins Gras. Sein Kopf ruckte herum, als links von ihm Steine knirschten. Da stand sie, keine zwei Meter von ihm entfernt und schaute ihn an. Sie sagte kein Wort, sah ihm genau in die Augen. Er saß nur da, unfähig ein Wort herauszubringen und erwiderte den Blick.
Nach einer Weile lächelte sie und setzte sich neben ihn ins Gras. Stumm saßen sie dort, jeder alleine bei sich, in die eigenen Gedanken versunken. Allein für sich und sich doch so nah…

Ihr Herz schlug schneller, seit sie ihn entdeckt hatte. Voller Hoffnung war sie hier an den See geeilt, erfüllt von dem Wunsch, ihm noch einmal zu begegnen. Wieder einmal hatte sie nicht in den Schlaf gefunden, war ruhelos in der Wohnung umhergewandert, voller Sehnsucht, das zu finden, was sie in seinen Augen gesehen hatte. Als sie ihn tatsächlich hier am See fand, hätte sie vor Überraschung fast der Schlag getroffen. Ihr Herz tat einen großen Sprung vor Freude.
Sie saß still neben ihm und genoss dieses unglaublich schöne Gefühl der stillen Zweisamkeit.
Nie zuvor hatte sie solch ein starkes Gefühl durchströmt, noch dazu für einen Mann, den sie nicht kannte. Sie fühlte seine Nähe mit jeder Faser ihres Körpers. Mehr noch – drehte er den Kopf, um sie anzusehen, tat sie es ihm gleich. Schaute sie ihn an, folgten ihr seine Augen nur Sekunden später und ihre Blicke trafen sich. Obwohl ihr nur das Licht des Mondes zur Verfügung stand, konnte sie ihn deutlich sehen.
Wenn das ein Traum ist, will ich nie mehr erwachen, dachte er. Er schaute in ihre grünen Augen und die Welt um ihn verschwamm, löste sich in nichts auf. Dort, direkt vor sich, in diesen geheimnisvollen Augen entdeckte er ein völlig neues Universum. Er schien direkt in ihre Seele zu blicken und der Einblick verzauberte ihn, ließ ihn tief in diesen grünen Edelsteinen versinken. Verblüfft über die Ähnlichkeit mit seinem eigenen Innenleben verspürte er plötzlich eine Gänsehaut.
Sie hielt seinem Blick atemlos stand. Diese Ähnlichkeit, die ich spüre, kann unmöglich wahr sein, dachte sie. Doch im gleichen Moment sah sie ein, dass sie sich nicht täuschte. Zum ersten Mal in ihrem Leben vertraute sie völlig den Gefühlen, die sie durchströmten. Einem Impuls folgend stand sie auf. Fast sofort kam er ebenfalls auf die Beine, wollte etwas sagen, doch sie legte ihm schnell die Finger auf die Lippen und lächelte.
Er verkniff sich die Worte, die über seine Lippen wollten. Ihr Lächeln schien ihn zu verzaubern. Verblüfft beobachtete er, wie sie das Shirt über den Kopf streifte, die Schuhe auszog, aus ihrer Jeans schlüpfte und die Unterwäsche ablegte. Völlig nackt stand sie unbefangen vor ihm, als sei es die natürlichste Sache der Welt und schon immer so zwischen ihnen gewesen. Er ließ seine Blicke über ihren Körper streifen und spürte, wie sehr ihn der Anblick erregte.
Sie fühlte, was in ihm vorging, trat näher zu ihm und begann, sein Hemd aufzuknöpfen. Seine Blicke, die über ihre Brüste glitten, ließen sie schneller atmen. Sie zog ihm das Hemd von den Schultern und ihre Augen wanderten über seinen muskulösen Oberkörper. Was sie sah gefiel ihr und sie spürte, wie ihr Körper erzitterte. Sie beobachtete, wie er seine Jeans und die Boxershorts abstreifte und endlich völlig nackt vor ihr stand. Ihr Mund fühlte sich trocken an. Schnell ergriff sie seine Hand und zog ihn mit sich, ins Wasser hinein.
Ohne zu zögern folgte er ihr. Er sah das Wasser hoch spritzen, als sie immer tiefer hinein liefen, bis sie plötzlich ihre Hand aus seiner löste und mit dem Kopf voran in den See tauchte. Ein Stück von ihm entfernt tauchte sie auf und wischte sich das Wasser aus dem Gesicht und den Haaren. Er tat es ihr gleich und verlor sie einen Moment aus den Augen, als er untertauchte. Durch die Hitzewelle der letzten Wochen hatte sich der See erwärmt und er genoss für Augenblicke die angenehme Temperatur des Wassers. Mit kräftigen Zügen schwamm er in den See hinaus, tauchte auf und fast sofort war sie dicht an seiner Seite.
Von hier konnte sie an der kleinen Halbinsel vorbeischauen, die ihnen vorher vom Ufer aus den Blick auf diesen Teil des Sees genommen hatte. Als sie ein Ruderboot entdeckte, das ein Stück vom Ufer entfernt ankerte, schwamm sie zügig darauf zu. Ohne sich umzusehen, wusste sie, dass er genau hinter ihr war. Ein bisschen unheimlich war dieses Gefühl der Verbundenheit schon. Unheimlich, neu, gleichsam wunderschön und erregend.
Er folgte ihr und als sie das Boot erreichte, sah er zu, wie sie sich daran hochzog und über den Rand glitt. Der freie, ungehinderte Blick auf ihre Weiblichkeit ließ ihn schlucken. Schnell legte er das letzte Stück zurück und folgte ihr ins Boot. Sie hatte sich zwischen den Ruderbänken ausgestreckt und schaute mit verträumten Blick in den Nachthimmel, einen Arm unter ihrem Kopf. Er beugte sich über sie und ihre Lippen berührten sich zum ersten Mal. Sie kam ihm entgegen und ihre Zungen erforschten sich. Es war ihm, als öffnete sich das Tor zu einer neuen Welt.
In ihrem Inneren loderten die Flammen auf, als ihre Zungen sich berührten. Nur dieser Moment zählte, dieser Augenblick, in dem sich zwei Seelen berührten, die füreinander bestimmt waren. Ihr Körper drängte sich an seinen, sie spürte seine Männlichkeit an ihrem Schenkel und erwiderte heftig seinen Kuss. Sie spürte seine Finger sanft über ihre Haut streichen, fühlte sie überall an ihrem Körper. Noch nie hatte sich jemand so völlig auf sie konzentriert, sie so ausgiebig und lange überall gestreichelt und sie sehnte den Augenblick der Vereinigung herbei. Als es soweit war, konnte sie einen leisen Schrei nicht unterdrücken.
Er spürte, dass sie ihn erwartete und gab ihr nach. Er konnte ein Aufstöhnen nicht unterdrücken, als sie sich vereinigten.
Später lagen sie eng umschlungen und erschöpft in dem Boot, das sanft in der Dünung des Sees schaukelte. Sie genoss seine Nähe und die Berührungen seiner Hand, die sanft durch ihr feuchtes Haar fuhr. Seine Augen hielten ihre gefangen und sie mochte ihren Blick nicht davon lösen. Sie fühlte sich zutiefst zufrieden, erfüllt von nie gekannten Gefühlen.
Er schaute ihr direkt in die Augen und war kaum in der Lage, dem Gefühlsturm in seinem Inneren Herr zu werden. So unbekannt und neu diese Gefühle auch waren, er wollte sie nicht mehr missen. Wollte diese einfach nur festhalten und nicht wieder loslassen. In ihren Augen erkannte er genau das, was er selbst empfand.
„Wir müssen das unbedingt fortsetzen“, flüsterte sie und berührte mit den Fingern seine Wange. Sie sah ihn lächeln.
„Unbedingt, aber nicht hier“, flüsterte er leise mit rauer Stimme und strich sanft über ihre Wirbelsäule. Diese kurze Berührung drohte sie erneut zu entflammen und nur mühsam beherrschte sie sich. Schließlich nickte sie, gab ihm einen kurzen Kuss, löste sich aus seinen Armen und setzte sich auf die Ruderbank. Fröstelnd schlug sie die Arme um ihren nackten Körper. Nachdem die Hitze abgeklungen war, begann sie zu frieren.
Er bemerkte es und stand auf. Schnell holte er den Anker ein und ruderte zum Ufer zurück. Dort angekommen, stiegen sie aus dem Boot und er schlug den Anker des Bootes in den weichen Ufersand. Sie musste lächeln, als sie daran dachte, dass sich der Bootsbesitzer wohl wundern würde am nächsten Tag.
Schnell zogen sie ihre Sachen an. Er legte einen Arm um ihre Hüfte und sie gingen den schmalen Pfad am Wasser entlang Richtung Straße.
Rasch stiegen sie in seinen dort geparkten Wagen. Er drehte den Kopf und bedachte sie mit einem langen Blick. Sie beugte sich zu ihm hinüber, nahm seinen Kopf in beide Hände und hauchte ihm einen Kuss auf den Mund.
„Und jetzt?“
Ihre Blicke trafen sich. Er schaute sie fragend an. „Wartet jemand auf dich?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Auf mich auch nicht“, entgegnete er.
„Warum versuchen wir es dann nicht miteinander?“
Ihr Blick war plötzlich ängstlich, zweifelnd, bis er ihr ein strahlendes Lächeln zeigte und antwortete: „Ich denke, genau das sollten wir tun.“
Er ließ den Motor an, während sie still und glücklich neben ihm saß.

(c) 2015 Uwe Tiedje

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