Wenn der Mond die Sonne berührt

Wenn der Mond die Sonne berührt

„Nun gib schon auf, Nic!“

Sie waren ein paar Mal den Waldweg zurückgegangen und hatten nach Tanja gesucht. Erfolglos. Nic hörte Noras Worte und er fühlte tief in seinem Inneren Hilflosigkeit, erkannte aber, dass sie recht hatte. Es war aussichtslos weiterzusuchen. Der Weg hatte bestimmt zwanzig Mal die Richtung gewechselt.

„Nun komm schon. Ich verstehe dich ja, aber es ist sinnlos. Lass uns weitergehen.“

Widerstrebend ließ sich Nic weiterziehen. Der Weg bog drei mal nach links, und als sie ihm folgten, gelangten sie direkt auf eine große Wiese. Nora ließ sich ins Gras auf den Rücken fallen und schloss erschöpft die Augen.

„Eine gute Idee,“ stimmte Nic zu. „Lass uns etwas ausruhen und Atem schöpfen!“

Er ließ sich neben Nora ins Gras sinken und schaute in den sternenlosen Nachthimmel. Sein Blick glitt zu Nora und er erkannte, dass sie suchend die Augen über die dunklen Bäume gleiten ließ und wieder erkannte er diese Angst darin. Wie so oft überlegte er sich, wie er sie ablenken konnte.

„Kennst du ihn eigentlich Nora, den Platz wo der Mond die Sonne berührt?“

Verwirrt schaute ihn Nora an und schüttelte den Kopf.

„Den Platz wo Kobolde gehen, Einhörner stehen, Elfen sich drehen? Den Platz wo Träume sich erfüllen, Herzen sich öffnen und Ängste vergehen?“

Wieder schüttelte sie den Kopf, lächelte ihn aber dankbar an, da sie erkannte, was er vorhatte. Er stand auf, streckte ihr die Hand hin und zog sie hoch.

„Komm, ich zeig ihn dir!“

Sie gingen gemeinsam zum Rand der Wiese. Nora beobachtete Nic genau, war gespannt, was er wohl vorhatte.

Nic konzentrierte sich und schnippte zweimal mit den Fingern. Plötzlich stand die Sonne als rotglühender Feuerball am Himmelszelt und verscheuchte die Schatten von der Wiese. Doch rings um die Wiese blieb alles in Dunkelheit.

Er schnippte noch einmal und direkt neben der Sonne erschienen die drei Monde der Traumwelt und sandten ihre silbernen Strahlen herab. Nora lächelte ihn strahlend an und setzte sich ins Gras. Ein weiteres Schnippen!

Ein paar Kobolde mit dunklen Bärten marschierten über die Wiese, schwere Säcke auf den Schultern. Zarte Elfen flogen auf die Wiese, drehten sich federleicht und umflatterten Nora. Ein weißes Einhorn und ein schwarzer Pegasus gesellten sich zu ihnen.

Schnipp! Über der Wiese entstand ein wunderschöner Regenbogen. „Traumhaft,“ flüsterte Nora.

Die Elfen tollten herum, narrten die Kobolde und schnappten nach den Säcken. Durch Nics Magie erschienen Sterne am Nachthimmel und silbernes Sternenlicht fiel herab, bündelte sich mit dem Licht der Sonne und der Monde. Ein Goldsack fiel herunter, öffnete sich und Goldklumpen funkelten in dem diffusen Licht.

Ein Trupp Zwerge marschierte singend aus dem Wald heraus, stoppte auf der Wiese. Nic setzte sich ins Gras und beobachtete das bunte Treiben. Er lächelte Nora zu. Ihre Angst war verflogen.

Wolfsgeheul drang an ihre Ohren und das Wolfsrudel stürmte aus dem Wald heraus, allen voran Nics Grauer. Wieder schnippte Nick.

Ein kleiner See entstand ihnen gegenüber auf der großen Wiese, füllte sich langsam mit Wasser. Ein Bachbett grub sich mitten durch die Wiese, gespeist aus einem kleinen Wasserfall, der über einige Felsen aus dem See herausplätscherte. Silbernes, reines, klares Wasser!

Das Einhorn lief zu dem Bach, senkte den Kopf, berührte mit dem magischen Horn das Wasser und stillte seinen Durst. Eine besonders neugierige Elfe kam dem Pegasus zu nahe, so dass der erschreckt wiehernd auf die Hinterläufe stieg. Panisch flatterte die Elfe nun selbst davon. Buntes Treiben überall!

Nora spürte trotz des Durcheinanders eine Ruhe und Stille in sich, wie seit ewigen Zeiten nicht mehr und sie lächelte glücklich vor sich hin. Sie stand langsam auf, ging zum Ufer des Baches und schnippte. Nun trug sie ein knöchellanges, buntes Sommerkleid, das wunderbar zu ihren roten Haaren passte. Am Ufer des Baches ging sie langsam bis zur Quelle und hielt ihre Hand unter den Wasserfall.

„Schau nur Nic,“ rief sie, „Das Licht bricht sich an den Spritzern, in allen Regenbogenfarben.“

Die kleine Elfe sauste auf Nora zu, landete auf ihrer Schulter und beobachtete neugierig, wie sich Noras Kleid mit feinen Sternen überzog , deren Licht silbrig schimmerte und in den Bach überging. Auch die Regenbogenfarben der Wasserspritzer von Noras Hand regneten in den Bach, breiteten sich aus. Nora lächelte die Elfe an. Die schaute sie aus ihren wunderschönen kleinen Augen erstaunt an.

„Sternenkind,“ flüsterte die kleine Elfe überwältig.

Nic durchfuhr es bei dem Wort!

„Sternenkind, Sternenkind…

reich mir deine Hand geschwind…

lass uns fliegen zu den Sternen,

von der Erde uns entfernen,

da, wo sie erstrahlen hell,

lass uns beide landen schnell,

hier wird uns wohl keiner stören,

hier werden wir nur uns gehören.“

Spontan schossen ihm die Worte durch den Kopf und er sprach sie aus, überrascht über diese Spontaneität. Auch Nora schaute überrascht, schenkte ihm aber ein strahlendes Lächeln. Sie hielt der Elfe die Hand hin.

Äste knackten laut, als ein weißer Hirsch durch das Unterholz brach und auf die Wiese lief. Majestätisch stand er da, eine Spur Verwunderung in den Augen und beobachtete das bunte Treiben auf der Wiese.

Nora setzte die kleine Elfe auf eine wunderschöne, große Blumenblüte. Die Flügel der Elfe summten, als sie mit gefurchten Brauen auf Noras Schulter zurückflog. Noras Lachen klang frei und Glockenklar. „Sie hat ihren eigenen Kopf, Nic!“

„Sternenkind, Sternenkind,

hier wo wir alleine sind,

nehme ich deine Hand und sag,

dass ich dich sehr gerne mag.

Streich dein Haar und dein Gesicht,

sehe es an im Sternenlicht,

niemals wird der Schimmer schwinden,

immer wird er uns verbinden!“

Die Worte sprudelten nur so aus Nic heraus. Er beobachtete, dass die kleine Elfe plötzlich einen winzigen Stab in den Händen hielt und damit auf den Wasserfall zeigte. Ein Reigen bunter Sterne flog darauf zu, vermischte sich mit den Regenbogenfarben, so dass das Wasser plötzlich voller funkelnder Sterne war.

„Elfenzauber,“ kicherte sie.

Nora nickte und schenkte der Elfe ein strahlendes Lächeln. „Wunderschön, Sternen- und Elfenzauber!“

„Wunderschön,“ bestätigte Nic.

Nora lief ins Wasser, blieb stehen inmitten der Farben und Sterne. Nic betrachtete ihr offenes, langes, rotes Haar, das Kleid, dessen Träger über ihre Arme gerutscht waren und ihn durchströmte ein warmes Gefühl. Er stieg ebenfalls ins Wasser, legte die Arme um ihre Hüften, spürte, dass ihre Arme ihn gleichfalls hielten und schaute ihr tief in die Augen.

Alle Ängste vergessend, endlich einmal befreit, stand sie da, lächelte ihn glücklich an und schaute zu ihm auf. Er lächelte zurück, beugte den Kopf und küsste sanft ihre Lippen.

Sie machte sich los, bückte sich und hob einen besonders schönen Stern aus dem Wasser. Sie gab ihm den Stern, der in allen Farben des Regenbogens funkelte.

„Wunderschön,“ entfuhr es Nic, „er strahlt Sternenschimmer aus und in seinem Inneren funkeln Farbkaskaden.“

„Wirf ihn hoch, Nic,“ rief Nora, „so hoch du kannst. Nun kenne ich den Platz, wo der Mond sie Sonne berührt.“

Nic blickte zu den Millionen winziger Lichter empor, lächelte Nora zu, nahm alle Kraft zusammen und warf den Stern hoch hinauf.

„Sieh nur Nic, er scheint sich aufzulösen, ein wunderschöner Farb- und Sternenwirbel, und wir mittendrin!“

Nic schaute hinauf, blickte zu ihr und ergriff ihre Hand, schaute tief in die nun einmal glücklichen Augen.

„Sternenkind, Sternenkind,

weil wir voller Liebe sind,

strahlen nicht die Sterne heller

und die Welt dreht sich nicht schneller.

Doch strahlt innen drin ein Glanz,

wie ein heiterer Sternentanz,

und ich schau in zwei strahlende Scheiben,

die zwischen Millionen Sternen treiben.“

Er lächelte Nora strahlend an. „Da schau,“ rief sie, „er löst den Zauber auf, alles verblasst, sie verschwinden…“

Nic schaute auf die dunkle Wiese, die wieder wie vor seiner Zauberei war. Er seufzte. Doch Nora schaute ihm tief in die Augen und lächelte.

„Nur für einen Moment, wir können sie jederzeit zurückholen.“

Nic setzte sich ins Gras, lehnte den Rücken an einen Baum und Nora schmiegte sich eng an ihn. Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Wange und schlief sofort ein.

Und zum ersten Mal seit langen, langen Jahren schlief Nora tief und fest und träumte einen schönen Traum von dem Platz, wo der Mond die Sonne berührt…

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