Interstellare Kommunikation

Interstellare Kommunikation

Erschöpft fiel Lisa auf das Sofa und schaltete den Fernseher ein. Natürlich lief Werbung, wie konnte es anders sein? Trotzdem starrte sie gebannt auf den Bildschirm. Eine Marsianerfamilie saß gerade beim Abendessen zusammen. Schon bei den ersten Worten spitzte Lisa überrascht die Ohren.

• Werbung Anfang

„Du Schatz?“
„Ja Schatz?“
„Hast du schon gehört, das wir jetzt mit der Erde chatten können?“
Der Marsianer blickte von seinem Teller mit Schlammpudding skeptisch auf. Sein Echsenschädel wippte hin und her. „Du willst mich doch auf den Arm nehmen …“
Seine Frau schüttelte wild den Kopf. „Ernsthaft, Schatz. Die haben da unten auf der Erde so ein kleines Gerät entwickelt, die Firma heißt Amazonas. Übersetzt einhundertvierundachtzig Millionen Dialekte in erdisch und umgekehrt. Marsianisch ist auch dabei.“
Begeistert klatschte der Marsianer in die Hände. „Wow“, rief er, „aber da braucht man doch bestimmt ein Programm dafür.“
„Natürlich. Das heißt Gesichterfenster, ist kostenlos zum Download auch bei uns verfügbar. Das benutzen schon ungefähr eine Milliarde Erdenbürger erdenweit zum Chatten. Marsianern wird geraten, als Profilbild ein männliches oder weibliches Bild von einem Erdenbürger zu nutzen, um die Erdlinge nicht gleich zu verschrecken. Ist angeblich in Null Komma Nix heruntergeladen und installiert. Und da gibt es so Buttons, die viel zufriedener machen. Likebuttons nennen die sich. Je mehr man davon hat, umso bekannter ist man in der Galaxis.
Stell dir vor, wir könnten vielleicht über das Programm sogar Urlaub auf der Erde buchen, das wäre ein Traum.“
Erfreut sprang die Marsianerin auf und begann, ruhelos hin und her zu laufen. Ihr zwei Meter langer Schwanz kratzte dabei lautstark über den Fußboden.
Genervt schob ihr Mann den Teller beiseite. „Ich geh ja schon und fahre den interstellaren Laptop hoch.“
Mit wenigen Handgriffen installierte er das Programm und gab die Bestellung für den Kommunikator auf.
„Fertig“, rief er aus und rieb sich die Hände. „Der Kommunikator kommt per Kometenbeam.“
Seine Frau beugte den Kopf und gab ihm einen dicken Schmatzer auf die Echsenbacke. „Aber Schatz, was mache ich, wenn mich da im Chat ein Erdling anbaggert? Du weißt doch, was man über die sagt, die denken doch angeblich nur an das eine.“
Ihr Mann sah seine Frau beruhigend an. „Schreib einfach, du bist ein Alien und nicht für menschliche und körperliche Liebe geschaffen.“
„Super Idee Schatz“, freute sie sich begeistert. „Übrigens Liebe … mit steht es mit der marsianischen Liebesversion?“
Und schob ihn Richtung Schlafzimmertür.

Abblende!

Ein Weltraumbild mit einer dunklen Stimme unterlegt erschien auf dem Bildschirm. „Holen sie sich noch heute das neue, kostenlose, interstellare Gesichterfenster Programm. Seien sie einer der ersten mit einer Mitgliedschaft im ersten interstellaren Social Network. Dafür brauchen sie keine 5 Minuten. Es wird ihren Horizont maßgeblich erweitern.“

*Werbung Ende

Wie gebannt starrte Lisa nach dem Ende der Werbung auf den Bildschirm. Endlich löste sie sich aus ihrer Starre, sprang auf, nahm den Telefonhörer und wählte hastig die Nummer ihrer besten Freundin.
„Petra, ich bin‘s, Lisa. Hast du gerade die neue Werbung gesehen? Nein?“
Hastig erzählte sie Petra von der Werbung.
„Das ist ja sensationell, toll was die heutzutage alles erfinden. Das werde ich gleich Werner erzählen, damit er die neue Version installiert. Das muss ich ja unbedingt ausprobieren“, klang Petras begeisterte Stimme aus dem Hörer.
Lisas Gesichtsausdruck versteinerte plötzlich. „Du, Petra“, flüsterte sie mit leiser, stockender Stimme in den Hörer. „Glaubst du das Peter … naja, ich meine, ich habe ihn doch online kennengelernt und noch nie gesehen … meinst du, er ist ein Alien, das sich mit einem menschlichen Bild tarnt? Das wäre ja entsetzlich. Sein schönes Gesicht, das strahlende Lächeln, dieser sensationelle Körper … meinst du, er könnte in Wirklichkeit eine fette Echse sein?“

*Anmerkung des Autors

Achtung – diese Geschichte ist rein fiktiv. Es gibt weder einen interstellaren Kommunikator noch ein dafür zu nutzendes Programm namens Gesichterfenster. Ebenso wenig ist bisher jemandem ein Kometenbeam gelungen. Auch hat niemand an Aliens die Empfehlung gegeben, als Profilbild das Abbild eines Menschen zu nutzen. Überhaupt gibt es Aliens ja gar nicht.
Mmmh … Moment … das ist doch gar nicht bewiesen, oder? Was wenn sie bereits auf der Erde leben? Was, wenn ich selbst ein Alien bin und die Erdlinge haben mein Hirn manipuliert? Das wäre ja …

© 2017 Uwe Tiedje

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