Mein Held

Mein Held

Wann immer ich an ihn denke, erfüllt mich eine Leere, die sich durch nichts auffüllen lässt. Diese eine Stelle, die immer ihm gehörte, ist heute leer und wird für immer leer bleiben.

Als Kinder bekamen wir ihn kaum einmal zu Gesicht. Als LKW Fahrer war er Tag ein Tag aus unterwegs auf den Straßen. Sein Tag begann mit dem Läuten des Weckers um drei Uhr in der Früh und endete abends gegen 23 Uhr. Immer wenn er heimkam, schliefen wir Kinder längst. Aber er kam wenigstens jeden Tag nach Haus, nicht wie andere, die fern von Frau und Kindern wochenlang auf den Straßen unterwegs waren.

Uns gehörte sein Wochenende, das meist am Samstagnachmittag begann. Er spielte mit uns, tobte mit uns herum oder nahm uns einfach nur mit auf den damals obligatorischen Sonntagsspaziergang. Natürlich alle mit Schlips und Anzug. Wir Kinder auch, meine zwei Brüder und ich. Mutter in ihrem Sonntagskleid.

Wir zwei Jungs wuchsen heran, der dritte Bruder war uns acht Jahre voraus, deshalb zähle ich ihn an dieser Stelle nicht mit.

Als ich 11 war, in jenem heißen Sommer 1971, fragte er mich zum ersten Mal, ob ich in den Sommerferien Lust hätte, für eine Weile mit ihm in seinem LKW über die Straßen zu fahren. Ich sagte ja und war mächtig stolz, dass er gerade mich fragte, ob ich ihn begleiten würde.

Zum ersten Mal fühlte ich bei ihm die Einsamkeit, die er Tag und Tag geduldig ertrug, als er mir bei dieser Frage in die Augen schaute. Der Ausdruck in ihnen war voller Hoffnung, dass ich ja sagen würde. Als ich es dann tat, strahlte er über das ganze Gesicht. Nie zuvor hatte ich solch einen glücklichen Ausdruck bei ihm wahrgenommen.

Als ich meine Mutter einmal darauf ansprach, lächelte sie.

»Das liegt daran, dass du ihm so ähnlich bist. Er liebt deine Brüder genau wie dich, nur auf eine andere Art. Zwischen euch beiden ist es etwas ganz Besonderes.«

So begleitete ich ihn in diesen Ferien. Tag für Tag saß ich neben ihm auf dem Beifahrersitz, wenn er Richtung Bremen fuhr. Das war seine übliche Tour. Einen Tag laden in Bremen, abends nach Hause. Am nächsten Tag alles in Braunschweig und Umgebung ausladen. Und am dritten Tag begann alles von vorn.

Manche mögen denken, das muss doch langweilig sein. Aber für mich war es das nicht. Für mich war es benteuer.

Meine kleine Welt erweiterte sich von heute auf morgen gewaltig. Von dem eingegrenzten Bereich der paar Blocks rund um unsere Wohnung, die ich allein erkunden durfte, hin zu Autobahnen und riesigen Städten wie Bremen oder Braunschweig.

So kamen sie mir damals zumindest vor, wie riesengroße Ansammlungen von Menschen und Häusern. Dazu der phantastische Hafen von Bremen mit den vielen Schiffen. Da wurden Kisten, Säcke mit Kaffee und die unterschiedlichsten Güter verladen und es lag ein Geruch in der Luft, der eine Ahnung und Träume von den Orten zuließ, zu denen diese Schiffe fahren würden.

Dazu kam das große Sammellager der Bremer Spedition, in dem der LKW jeden zweiten Tag geladen wurde. Hier begegneten mir zum ersten Mal Menschen anderer Nationen, aus Frankreich, Dänemark, Spanien, England, Holland und viele mehr. Und natürlich auch deutsche LKW Fahrer.

Die vielen fremden Eindrücke erschlugen mich förmlich und ich glaube heute, damals bekam ich zum ersten Mal eine Vorstellung, wie riesig unsere Welt ist und welche Schönheit, Vielfältigkeit und wie viele Abenteuer da draußen auf mich warteten.

Aber am glücklichsten war ich, wenn wir im LKW saßen und fuhren. Er behandelte mich nie wie einen elfjährigen Jungen. Wenn wir dort zusammen waren, war ich gleichwertig für ihn. Er beantwortete stets geduldig meine Fragen, lachte mich niemals aus, selbst wenn die Frage noch so dumm war, und ließ mich jeden Tag, den wir beisammen waren, spüren, wie glücklich ihn meine Gegenwart machte. Und ich war es auch, glücklich!

In diesen Sommerferien hatte ich ihn täglich für mich, nicht nur den halben Samstag und Sonntag. Es waren meine bisher schönsten Sommerferien, als ich zum ersten Mal jeden Tag bei ihm sein durfte.

Die Jahre vergingen und in jedem Jahr begleitete ich ihn in allen Ferien. Ich legte an Größe und Körperkraft zu und arbeitete täglich mit.

Zu dieser Zeit wurden LKW noch per Sackkarre beladen und die Kisten und Kartons im LKW auf den Boden gestapelt. An Gabelstapler und Paletten war damals kaum zu denken. Natürlich gab es so etwas schon, aber eher selten.

Wenn er mir dabei zusah, wie ich die Kartons in den Lkw fuhr und aufstapelte, spürte ich seinen Blick auf mir und fühlte, wie stolz er auf mich war.

Irgendwann, ich weiß heute nicht mehr, in welchem Jahr, gab es einen Moment, der etwas ganz besonderes war und der mir in Erinnerung geblieben ist. Er sah meine Mutter an und sagte: »Gib dem Jungen 5 Mark, er hat es sich verdient. Er arbeitet jeden Tag genau so hart wie ich.«

Ich war so unheimlich stolz auf diese Worte und auf meine 5 Mark!

Dazu muss man wissen, dass bei uns das Geld immer knapp war. Meine Brüder und ich bekamen kein Taschengeld und diese 5 Mark an sich stellten schon einen besonderen Moment dar. Doch es waren seine Worte, die mich unheimlich stärkten und mein Selbstbewusstsein, das seit Jahren vor sich hin schwächelte, pfeilschnell nach oben jagten.

All die Jahre hat er mich geachtet, geliebt und hat versucht, mir das Gefühl zu geben, etwas Besonderes zu sein. Denn für ihn war ich das.

Danach folgten Jahre, in denen es andere, neue Dinge gab, die mich interessierten und hinderten, ihn weiter in den Ferien zu begleiten. Doch obwohl dieser gemeinsame Teil für uns beide verloren war, blieb unser Verhältnis das Gleiche.

Am Tage meiner Konfirmation sagte er mir etwas, was er meinen Brüdern nie erlaubt hatte.

»Du bist jetzt alt genug. Von heute an kannst du wegbleiben, so lange du willst. Es gibt nur eines, was ich von dir verlange. Wenn du später als 19 Uhr nach Hause kommst, ruf an und sag uns, wo du bist. Und ich möchte nicht, dass du durch das spätere Heimkommen schlechter in der Schule wirst. Ansonsten kannst du tun und lassen, was du willst.«

Wieviel Vertrauen zu mir lag in diesen wenigen Sätzen?

Ich kannte aus den Erzählungen meiner Freunde deren Probleme mit ihren Eltern, weil die ihnen nicht genug Vertrauen entgegenbrachten.

Und dieser Mann stellte sich hin und sagte mir so etwas!

Ich war fassungslos, glücklich, unheimlich stolz und ich liebte diesen Mann mehr als jeden anderen Menschen auf der Welt.

Zwei Jahre später begann ich meine Lehre als Zimmermann in der gleichen Firma, in der er mittlerweile LKW fuhr und Holz auslieferte. Das war sein Entgegenkommen gegenüber meiner Mutter, die er bedingungslos liebte und deren Bitte, öfter zu Hause zu sein, er vor einiger Zeit nachgekommen war.

So verbrachten wir immerhin einmal wieder etwas Zeit miteinander. Zwar nur auf der täglichen Fahrt zur Arbeit und zurück, aber besser als nichts.

Er fragte mich nie, wie mir die Arbeit gefiel oder wie ich abends meine Freizeit verbrachte. Das musste er auch nicht. Ich erzählte es ihm freiwillig. Das Vertrauen, dass er mir stets entgegenbrachte, zahlte ich ihm hunderte Mal zurück. Heute weiß ich, dass er ein sehr weiser Mann war.

Und so lief die Zeit immer weiter, die Jahre vergingen. Irgendwann hatte ich, noch sehr jung, selbst Frau und Kind. Wir waren beide beschäftigt, jeder für sich mit seinem Alltag und den täglichen Herausforderungen und Sorgen und so merkten wir nicht, wie uns die Zeit weglief.

Er wurde krank, konnte nicht mehr arbeiten. Und es kam der Tag, an dem ich die Wahrheit erfuhr von meiner Mutter.

»Setz dich, ich habe dir etwas zu sagen«, begann sie. Ich sah ihr an, wie schwer ihr das Sprechen fiel und ahnte, dass mir das, was jetzt gleich kam, nicht gefallen würde. Aber auf das, was sie dann sagte, war ich überhaupt nicht vorbereitet.

»Du weißt ja, dass dein Vater krank ist. Es ist viel schlimmer, als wir anfangs dachten. Er wird sterben, er hat vielleicht noch zwei Jahre.«

Hemmungslos begann sie zu weinen. Völlig geschockt von dem eben Gehörten nahm ich sie wortlos in den Arm und hielt sie fest.

Ich konnte es nicht glauben. Dieser starke Mann, mit dem ich einige Jahre zusammengearbeitet hatte, sollte einfach so sterben? Mit dreiundfünfzig Jahren war er doch noch gar nicht so alt.

Nach und nach erfasste ich, was das für mich bedeutete. Er würde nicht mehr jeden Tag auf seinem Sofa sitzen, mit mir lachen und sprechen. Ich würde ihn nie wieder um seinen Rat fragen können, ihm nie wieder von meinen Erlebnissen berichten können. Nie wieder würde ich ihn berühren und umarmen können. Er wäre von einem Tag auf den anderen einfach weg, nicht mehr da.

Wie oft hatten wir in den letzten Wochen und Monaten gestritten, weil er zum ersten Mal mit den Dingen, die ich tat, nicht einverstanden war. Weil ich es auf meine Art tat und nicht auf seine. Wir waren uns ähnlich, sehr ähnlich, aber niemals sind zwei Menschen völlig gleich. Ich vertrat die Meinung, dass ich manche Dinge nur auf meine Weise tun könne.

Aber trotz aller Streitereien liebte ich ihn doch und wie hatten wir wegen unsinnigem Streit unsere gemeinsame Zeit verschwendet. Das machte mich auf mich selbst wütend.

Meine weinende Mutter im Arm haltend, war ich selbst nicht fähig zu weinen, um den Mann, der mir doch alles bedeutete.

Etwas über ein Jahr später kam ich nach Haus und wurde von meinem weinenden Bruder erwartet. Er sagte kein Wort, musste er auch nicht. Wortlos ging ich ins Schlafzimmer meiner Eltern und sah auf ihn hinunter, wie er dalag. Lächelnd, als sei er ganz mit sich und der Welt im Einklang. Ich berührte seine kalte Wange und streichelte sanft darüber. Der Tag, vor dem ich mich gefürchtet hatte, war gekommen.

Nun war ich auf mich allein gestellt. Das Leben zwang mich zu etwas, was ich nie gewollt und angestrebt hatte. Plötzlich sollte ich seinen Platz einnehmen, musste an seiner Stelle Entscheidungen treffen und seine Familie unterstützen und beschützen.

Meine Mutter verlor sich wie meine beiden Brüder in ihrem Schmerz. Es gab in diesem Moment nur einen, der da war. Denn das war ich ihm schuldig und noch viel, viel mehr.

Einer musste sich zusammenreißen, die Entscheidungen treffen, ihm ein würdiges Begräbnis organisieren.

Aber das wollte ich eigentlich gar nicht. Ich wollte nur allein sein, nichts hören und nichts sehen. Mit ihm und meinen Gedanken an ihn allein sein.

Aber ich riss mich zusammen, nahm all meine Kraft für ihn zusammen. Seit ich ihn im Bett gefunden hatte, weinte ich nicht eine Träne um ihn. Es war nicht die Zeit für Tränen. Da waren noch drei Menschen, die mich brauchten und auf mich vertrauten, die ich liebte.

Und dann war er da, der Tag. Irgendwie lief alles an mir vorbei. Ich hörte nicht die Predigt, bekam den Gang zum Grab nicht mit, hörte nicht die letzten Worte des Pfarrers und bekam nur am Rande mit, dass meine verwirrte Tante statt Erde ihren Regenschirm ins Grab warf.

Meine Gedanken waren die ganze Zeit nur bei einem Menschen. Ich dachte an Dinge, die wir gemeinsam erlebt hatten, durchlebte sie erneut. Die Realität um mich herum war verschwommen, war unwichtig. Nichts war in diesen Momenten wichtig für mich. Für mich waren die Erinnerungen an die vielen Sommer, an die Ferien mit ihm das einzige, was mich auf den Beinen hielt und davon abhielt, wie ein Schlosshund zu heulen und einfach zu laufen. Laufen, laufen, laufen, nur weg von hier.

Doch ich lief nicht. Die Berührung am Arm riss mich aus meinen Gedanken. Meine Mutter stand neben mir und ich sah, dass alle anderen schon zum Ausgang gingen.

»Kommst du auch?«

Ich sah sie an und es dauerte eine Weile, bis ich die Worte herausbekam.

»Gleich, ich komme gleich. Geh doch schon zu den Anderen. Ich brauche noch … nur einen Augenblick mit ihm allein, verstehst du?«

Sie nickte, lächelte und ging davon.

Ich sah ihr kurz nach und drehte mich dann zum Grab zurück. So viel wollte ich ihm noch sagen, doch ich brachte kein Wort heraus.

Wir sehen uns wieder, irgendwann, da oben, wo die Sterne sind, Papa.‹

Ich drehte mich fluchtartig um, verließ das Grab und hastete hinter den anderen her, immer noch meinen letzten Gedanken im Sinn.

In dieser Nacht brach es aus mir heraus, der ganze angestaute Schmerz und ich weinte um ihn, bis es hell wurde.

Nie wieder in meinem Leben werde ich solch einem Mann begegnen, wie er es war. Ich werde ihn niemals vergessen, den Mann, den ich auch als Erwachsener immer noch so nannte wie als kleiner Junge – Papa.

Er war für mich, ist es und wird es immer bleiben – mein absoluter, persönlicher Held, der mich auf seine besondere, einzigartige Weise auf das Leben vorbereitet und an es herangeführt hat. Und der mir bedingungslos vertraute.

© 2016 Uwe Tiedje

 

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