Fehlschuss?

Fehlschuss?

Das Gras glitzerte noch vom Morgentau, als ich benebelt aus dem Zelt kroch und mich ein wenig torkelnd zum Vereinshaus hinüber bewegte. Die Tür der Herrentoilette klemmte. Immer noch müde drehte ich den Hahn auf und schöpfte es mir mit den Händen Wasser ins Gesicht. Durch die Kälte der Flüssigkeit wurde mein Kopf etwas klarer. Doch als ich einen Blick in den Spiegel warf, drehte ich mich erschrocken weg.

Nachdem wir gestern in dem Dorf ankamen, war es zu einem Kampftrinken mit dem Gegner des heutigen Preisschießens gekommen. Magenkrämpfe erinnerten mich deutlich daran und ich geriet erneut ins Schwanken. Wie sollte ich mit einem Kleinkalibergewehr stehend freihändig die Zielscheibe treffen?

Allzu viel wusste ich von der Nacht nicht mehr. Sie war kurz, klar, aber waren das wirklich Kühe, an die ich mich erinnerte?

„Morgen.“

Die Tür fiel zu und mein Freund Michael schwankte zum Waschbecken.

„Morgen. Du siehst aus wie ich mich fühle“, gab ich zu. „Wie sollen wir nur das Schießen überstehen?“

Michael musste sich kurz am Waschbecken festhalten. „Keine Ahnung“, murmelte er. „Wie soll ich das meinem Onkel erklären?“

Michaels Onkel war der Schießwart des Vereins. Er würde uns ordentlich zusammenstauchen, wenn wir das Preisschießen verloren.

„Sag mal, Micha, kann es sein, das wir gestern durch den Wald gezogen sind?“

Ein Grinsen umspielte seine Lippen. „Ich kann mich nur deutlich daran erinnern, das du auf der Kuhweide warst.“

„Ernsthaft?“

Wieder dieses Grinsen. „Ernsthaft. Aber nur so lange, bis du gemerkt hast, dass es keine Kühe waren, die du in deinem Suffkopf gejagt hast. Wie kommen die nur darauf, mitten im Wald Stiere auf der Weide halten?“

Er brach in schallendes Gelächter aus und hob die Hand. „Bleib locker. Es war einfach ein Bild für die Götter, als du losgerannt bist, die Stiere dicht hinter dir. Dein Hechtsprung über das Gatter war wirklich olympiareif.“

Er begann jetzt wirklich laut zu lachen und ich fiel unwillkürlich mit ein. Plötzlich sah ich alles wieder vor mir.

Schließlich ging es los, das Preisschießen begann. Ich hatte auf nichts weniger Lust. Unseren Einlauf hatten wir schon hinter uns. Michaels Onkel erkannte auf den ersten Blick, was mit uns los war und machte uns wütend zur Schnecke.

Mit Kopf- und Magenschmerzen trat ich zum Schießen an. Ich konnte das Gewehr nicht ruhig halten, der Lauf der Waffe schwankte von einer Seite zur anderen. Am Schluss hatten wir zusammen gerade mal zwei Zehner, Zufallstreffer. Die anderen unserer jeweils zehn Schuss kratzten nur die Ränder der Zielscheiben an. Da stand uns noch ein weiteres Donnerwetter bevor. Unsere Stimmung wurde nicht besser.

„Lass uns noch kurz ins Vereinsheim schauen“, schlug Michael vor. „Ich muss irgendetwas trinken, meine Kehle ist vollkommen ausgetrocknet.“

Ich hatte überhaupt keinen Bock darauf, aber er drängelte so lange, bis ich nachgab. Ausgelassene Stimmung empfing uns. Der Gegner hatte einen überraschenden Sieg zu feiern.

Michael arbeitete sich zur Theke durch und kam mit zwei Bierflaschen zurück. Eine drückte er mir in die Hand. Gierig trank ich einen Schluck, da auch mein Hals knochentrocken war. Sofort spürte ich, wie mein angeschlagener Körper zu neuem Leben erwachte. Wir hätten vor dem Schießen ein Bier trinken sollen – verdammt!

Ich ließ den Blick durch den Raum schweifen. Er blieb an einem anderen Paar Augen hängen. Ein Schauer fuhr durch meinen Körper, mein Herz raste. Zwei wunderschöne, braune Augen strahlten mich über die gesamte Breite des Raumes an. Ich war einfach nicht in der Lage, den Blick davon abzuwenden. Lange, dunkle Haare umrahmten ein hübsches Gesicht. Ich fühlte mich wie vom Blitz getroffen. Der Raum verschwand scheinbar und ich nahm nichts um mich herum wahr. Erst als Michael mir den Ellenbogen in die Rippen rammte, riss ich mich von diesen faszinierenden Augen los.

Er wiederholte seine Frage und während ich antwortete, glitt mein Blick zu der Stelle, an der ich die Augen entdeckt hatte. Sie war nicht mehr da!

Wir tranken aus und verließen den Raum, um nach Hause zu fahren. Draußen entdeckte ich sie wieder und mein Herz hüpfte vor Freude wie ein Flummi. Sie sprach mit zwei anderen Mädchen auf der Wiese.

„Weißt du, wer das ist?“

Michael schaute mich fragend an. Ich deutete zu ihr hinüber.

„Ja, sie ist aus unserem Dorf. Aber ich kenne ihren Namen nicht.“

Wir kramten zusammen, was wir im Zelt liegen hatten und gingen hinüber zu unseren Mofas. Als wir losfuhren, war für mich eines klar – ich würde herausfinden, wer sie war. So groß war das Dorf ja nicht.

Ich habe sie wirklich gefunden, ein paar Tage später, zufällig. Als ich planlos mit dem Mofa durch das Dorf fuhr, sah ich sie in einem Garten stehen. Ich hielt an und sprach sie an.

Sie wurde meine erste Liebe, war das erste Mädchen, mit dem ich zusammen war. Letztendlich hatte der Tag des verkorksten Schießens mir doch noch etwas Positives gebracht. Oft denke ich an die Zeit mit ihr zurück. Nicht wehmütig, nur neugierig. Neugierig darauf, was aus ihr geworden ist, dem Mädchen mit den schönen Augen …

© 2017 Uwe Tiedje

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