Erinnerungen eines DJ’s

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Die Zeit rennt, manchmal schneller, manchmal langsamer. Manchmal blickt man zurück und bekommt einen Schreck … schon 30 Jahre her.

Kann das sein? Ist die Zeit wirklich so dahingerast, wie Highspeed DSL?

August 1986, eine kleine Diskothek in Peine. Musik hämmert aus den Lautsprechern, Menschen machen wilde Verrenkungen auf der Tanzfläche. Hinter der Theke, in einem abgegrenzten Bereich, steht ein Mann und legt die neueste, angesagteste Musik auf. Viele der Tanzenden kennt er, sieht sie jeden Abend hier, seit über einem Jahr. Vorher war er als DJ bereits in einigen anderen Tanzlokalen dieser Art hier im Landkreis tätig, hat mit 17 damit angefangen.

Musik war seine Welt, Musik lag ihm im Blut. Genau wie das Schreiben…

Ich beobachte den Mann hinter dem Mischpult, während „Rock me Amadeus“ von Falco aus den Lautsprechern dröhnt.

Er hat entfernte Ähnlichkeit mit mir, seine Bewegungen gleichen meinen, nur sind sie viel schneller. Seine Haare sind dunkelbraun, sein Körper jung und durchtrainiert. Die Schnupfenbremse, die er da auf der Oberlippe trägt, sollte er abrasieren. Der alte Mann, den ich hier im Spiegel sehe, hat kaum noch Ähnlichkeit mit ihm. Ausgeblichene Haare, grauer Stoppelbart, Ringe unter den Augen und Furchen im Gesicht.

Wo ist nur die Zeit hin? Ich habe mich doch nur einmal vor dem Spiegel umgedreht und schon sind dreißig Jahre weg. Unglaublich…

Der Bereich, in dem der DJ arbeitet, ist von jungen, hübschen Mädchen belagert. Sie schnattern durcheinander, flirten mit dem jungen Mann hinter dem Mischpult, der genervt die Augen verdreht. Er versteht nicht, was sie alle von ihm wollen. Dafür versteht es der alte Mann heute, denkt jedoch ohne Wehmut zurück an diese Zeit und ist rückblickend froh, das er morgens nach getaner Arbeit als DJ immer allein nach Haus gegangen ist, obwohl der Gedanke an die jungen Dinger sehr verführerisch war. Doch schon als junger Mann wußte er, das sie nicht seinetwegen dort standen. Sie himmelten einen Gedanken an, verführt von der Musik, gefangen in ihren Träumen.

Genau so, wie ihn Träume erfüllten, denen er zu der Musik nachhing, die er auflegte. Heute blickt der DJ, dreißig Jahre weiser, zurück auf eine vergangene Zeit, eine wunderschöne Zeit in einer kleinen Diskothek…

Er blickt zurück auf eine Zeit, in der alles ruhiger, gemütlicher war, auf eine Zeit, ohne Handys und Internet, eine Zeit, die er, sofern er nicht in der Diskothek arbeiten mußte, abends mit Freunden, vor dem Fernseher oder an der Schreibmaschine verbrachte.

Und er blickt zurück auf ein Leben mit Höhen und Tiefen, mit Freude und Schmerz. Er stellt zurückblickend verwundert fest, dass auch der Schmerz sein Leben bereichert hat. Denn jede Situation im Leben, ob freudig oder schmerzlich, verändert uns und ohne diese Veränderung wäre man nicht der Mensch, der man heute ist.

Er blickt aber auch zurück auf eine wunderschöne Zeit in einer kleinen Diskothek, die er erleben durfte und die es heute für die nächste Generation so nie mehr geben wird. So ist nun einmal der Lauf der Dinge. Und die nächste Generation wird ihre ganz eigenen, wundervollen Erinnerungen zu einem späteren Zeitpunkt in sich tragen und voller Wehmut daran zurückdenken.

Wie der einstige DJ es heute getan hat, als er an die Zeit zurückdachte, als er zum letzten Mal hinter dem Mischpult stand und gerade ein kleines, aber feines Lächeln im Gesicht trägt…

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