Nur eine Erinnerung

th

Nur eine Erinnerung

Nichts ist unangenehmer als das Rasseln des Weckers morgens um vier Uhr. Knurrend drehte ich mich auf die andere Seite, doch der Quälgeist hinter mir gab keine Ruhe. Also rollte ich mich seufzend aus dem Bett, gähnte ausgiebig, innerlich immer noch gefangen von dem Traum über eine schöne Erinnerung.

Im Juni des heißen Frühsommers 1971 begann unser Schulausflug zur Burg Sternberg, unserer Unterkunft, im Extertal. Auf dem Programm standen vier Tage Freiheit von den Eltern, für uns das Wichtigste.

Gespickt mit Besuchen im Hexenbürgermeisterhaus Lemgo, am Hermannsdenkmal, den Externsteinen, dem Germanendorf in Oerlinghausen bei Bielefeld und einer musikalischen Darbietung mit Mundorgeln der des Schlossherren. Das typische Kulturprogramm eines Schulausfluges.

Doch für uns Sechstklässler im zarten Alter von elf bis zwölf Jahren war das ein ganz besonderes Ereignis. Bereits als wir vor der hoch aufragenden Burg aus dem Bus stiegen, hielten wir begeistert den Atem an. Die Burg bot aus unserer noch kindlichen Sicht einen gewaltigen Anblick und wir freuten uns auf die  Tage in ihren Räumlichkeiten, untergebracht in Dreibettzimmern, Mahlzeiten im großen Rittersaal. Das klang für uns verheißungsvoll und trug den Geruch nach Abenteuer.

Der verstauchte Arm eines Mitschülers auf der Nachtwanderung, der Sturz einer Schülerin in einen Bach nahe der Externsteine und eine lange Unterhose des Bewohners eines Nachbarzimmers, die wir am Fahnenmast stolz in die Höhe zogen, das waren unsere Höhepunkte der ersten Tage. Bei dem Gedanken, dass jemand im Frühsommer mit einer langen Unterhose auf einen Schulausflug ging, muss ich heute noch verstohlen grinsen.

Aber mein ganz persönliches Highlight erlebte ich am vorletzten Abend. Im leergeräumten Rittersaal fand eine Fete statt, mit allen in der Burg untergebrachten Schülern. Darunter eine Klasse aus Bremen, eine aus Ingolstadt und natürlich wir aus Peine.

Mit zarten elf Jahren waren Feten noch nicht so mein Fall. Ich interessierte mich mehr für Bücher und andere Dinge. Meine Freunde, alle älter als ich, überredeten mich jedoch und so ging ich mit.

Popmusik und deutsche Schlager berieselten uns aus den aufgestellten Boxen und Stroboskoplichter flackerten durch den Rittersaal, die Rüstungen warfen dunkle Schatten und das Zucken der Schwarzlichter ließ den Raum verschwimmen.

Und da, mitten im Gewühl der Schüler, stand sie und lächelte mich an. Heute erinnere ich mich nicht einmal an ihren Namen, auch nicht an ihr Aussehen, aber in diesem Moment, als ich in ihre Augen schaute, stand ich wie erstarrt da.

Fasziniert von ihrem Blick, der mich offen und ohne Scheu fixierte, verharrte ich wie gebannt. Meine Freunde sprachen mich an, doch ich brabbelte nur sinnloses Zeug vor mich hin, was mir den einen oder anderen Ellenbogenstoß einbrachte.

Ich konnte die Augen nicht mehr von ihr abwenden, der Saal um mich verschwamm und die tanzenden Schüler wurden zu Silhouetten. Es gab nur noch sie, wie sie da stand, im flackernden, zuckenden Schein der Lichtorgel.

Als sie plötzlich zu mir herüber kam, meine Hand nahm und lächelte, blieb mir fast das Herz stehen. Wortlos zog sie mich auf die Tanzfläche. Wir tanzten, lachten und redeten den ganzen Abend über alles Mögliche und mir ging es unheimlich gut.

In kurzer Hose, Hemd über dem Hosenbund, schweißüberströmt, stand ich mit ihr auf der Tanzfläche und verrenkte meine Glieder, als hinge mein Leben davon ab. Die ganze Zeit hing mein Blick gefesselt an ihren Lippen, ihren Augen.

Doch jede Fete geht einmal vorbei und es kam der Zeitpunkt, gute Nacht zu sagen. Zum Abschied erfuhr ich, dass ihre Klasse am nächsten Tag nach Bremen zurückfahren würde.

Unheimlich traurig brachte ich den folgenden Tag und den nächsten Morgen bis zu unserer Abfahrt zu. Als der Bus losfuhr, wurde die Burg hinter uns kleiner und kleiner. Und ich wusste, ich würde sie niemals wiedersehen.

Ich täuschte mich. Drei Wochen später sah ich sie wieder, auf einem Schmalfilm, den mein Lehrer während des Ausflugs drehte. In einer Unterrichtsstunde führte er uns den Film vor. In dem einzigen Abschnitt des Films, der den Tag der Fete festgehalten hatte, stand ich mit ihr auf der Tanzfläche. Wahrscheinlich hatte unser Lehrer ausgerechnet uns beide gefilmt, weil es einfach göttlich komisch aussah, wie intensiv und geistesabwesend wir Knirpse da auf der Tanzfläche abrockten.

Jahre später als Erwachsener habe ich die Burg noch einmal besucht, voll der Erinnerungen an eine schöne Zeit. Irgendwie kam mir alles viel kleiner vor als zur damaligen Zeit. Beim Anblick des Fahnenmastes musste ich laut lachen. Und als ich durch den Rittersaal ging, hatte ich nur eine Erinnerung vor Augen. Die Erinnerung an die Fete und an sie.

Was sie wohl heute macht? Was wohl aus ihr geworden ist?

Ich weiß es nicht. Aber ich habe sie und den wundervollen Abend in der Burg niemals vergessen.

Als ich die Jacke anzog, um endlich zur Arbeit zu fahren, sah ich mein Lächeln im Spiegel der Garderobe.

© 2015 John McLane

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.