Ein Traum

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Ein Traum

Als er erwachte, war es dunkel. Die Digitalanzeige des Weckers blendete ihn, so das er die Augen erst einmal wieder zumachte. Er fühlte sich entspannt, reckte sich ausgiebig und dachte an die zurückliegende Nacht.

Nach wie vor hing ihr Duft im Raum. Er fühlte ihre Gegenwart, ihre tiefen Gefühle und ihre Hitze, während sie sich geliebt hatten. Unwillkürlich griff er nach rechts, doch der Platz, an dem sie gelegen hatte, war leer. Seufzend rappelte er sich auf, ging schlaftrunken zum Fenster und dachte daran, wie es begonnen hatte.

Weit draußen sah er die Lichter des Feuerschiffs, das den Schiffen eine sichere Heimfahrt gewährte. Er liebte dieses Haus, die Nähe des Meeres. Wenn er auf der Veranda saß, hörte er das beruhigende Rauschen des Meeres, der Wind trieb den Geruch des Salzwassers herüber und der weite Blick auf das Wassers gab ihm innere Ruhe und Kraft.

Sie hatten sich vor wenigen Tagen am Strand getroffen. Merkwürdig genug, da er sonst hier nie jemanden traf. Deswegen hatte er ja dieses Haus gekauft.

Sie hatten sich kurz zugenickt und waren weitergegangen. Zwei Fremde, deren Weg sich zufällig kreuzte und deren Schicksale sie unabhängig voneinander an diesen Ort geführt hatten.

Tage später saß er auf seinem Lieblingsplatz, einem Felsbrocken an einem Steilhang, sah aufs Meer und genoss die Stille, die nur hin und wieder durch den heiseren Schrei einer Möwe unterbrochen wurde. Die Sonne stand hoch und sandte ihre warmen Strahlen auf ihn herab. Ungewöhnlich für Spätherbst am Meer.

Und da stand sie plötzlich vor ihm. Ihr Haar flatterte im Wind und sie strich es mit einer typisch weiblichen Geste aus dem Gesicht. Schlank, zierlich und verletzlich wirkend stand sie vor ihm. Er schwieg, wusste auch nicht, was er hätte sagen sollen.

Wortlos saß sie plötzlich neben ihm und gemeinsam sahen sie schweigend aufs Meer hinaus. Stunden später verließen sie diesen Platz, ohne miteinander gesprochen zu haben.

An diesem Abend dachte er lange über diese seltsame Bewegung nach. Er hatte sie gefühlt, gewusst, dass es ein Fehler gewesen wäre, sie anzusprechen. Es schien, als habe sie Nähe gesucht, und doch die Einsamkeit. Wie er.

Merkwürdig. Er schüttelte den Kopf. Spontan ging er in den Flur, nahm die Windjacke vom Haken, zog sie über, ging durch die Haustür hinaus und zum Strand hinunter.

Der Sternenhimmel spannte sich über ihm wie ein dunkles Zelt, während er den einsamen Strand entlangging. Schon von weitem sah er den rötlichen Feuerschein. Er schien nahe seines Lieblingsplatzes zu sein. Magisch angezogen ging er darauf zu.

Sie war da, saß auf einer Decke, den Rücken zum Feuer. Er stellte sich neben sie, sah zu ihr hinunter. Sie hob den Kopf, schaute auf und lächelte ihn an. Da war etwas in diesem Lächeln, das ihn veranlasste, sich neben sie zu setzen. Wortlos lehnte sie den Kopf an seine Schulter, ihre Arme legten sich um ihn und kalte Hände glitten unter seine Jacke.

Automatisch legte er einen Arm um ihre Schulter und zog sie an sich. Beide schwiegen, genossen die Wärme des anderen, fühlten die Gegenwart des anderen und automatisch seine Bedürfnisse. Während sie so dasaßen, fühlten sie sich intensiver, als andere Paare es ein Leben lang taten.

Als das Feuer heruntergebrannt war, stand er auf und zog sie hoch. Sie ließ es geschehen. Ihre Lippen fanden sich und ein heißes Feuer loderte in ihnen auf. „Komm“, murmelte er heiser.

Er ging in Richtung seines Hauses und zog sie mit. Ohne sich zu wehren ging sie mit.

In dieser Nacht liebten sie sich wild, stillten ihre verzehrende Sehnsucht. Beim zweiten Mal dauerte es sehr lange und war ungemein zärtlich.

Seufzend wandte er sich vom Fenster ab. Sie war gegangen, doch er war zuversichtlich, dass sie wiederkommen würde. Er fühlte es. Widerwillig legte er sich hin und deckte sich zu. Kurz darauf schlief er wieder tief und fest. Er lächelte…

 

Die Arzt und die Ärztin sahen auf ihn herab, besorgt. Er lag nun auf der Intensivstation, nachdem sie zwei Stunden in mühseliger Kleinarbeit versucht hatten, im OP sein Leben zu retten.

„Meinst du, er kommt durch?“

Der Arzt sah seine Kollegin an. „Ich glaube nicht“, sagte er, „ die inneren Verletzungen sind zu schwer“.

Betrübt schaute die Ärztin auf ihn hinab, sah das Lächeln auf seinem Gesicht und fragte sich, was wohl jetzt in seinem Kopf vorging, als er da so schwerverletzt in dem Bett lag.

Sekunden später durchdrang ein schriller Pfeifton den Raum. Der Überwachungsmonitor meldete Alarm. Die Ärzte sahen sich an.

„Der arme Kerl“, sagte der Arzt, „aber er hat es hinter sich. Wer weiß, ob er sich von den Verletzungen je erholt hätte.“

„Ja, das hat er“. Mitleidig sah die Ärztin auf den Patienten hinab. „Wer weiß, wofür es gut war. Wer wohl die Frau gewesen sein mag, die bei dem Autounfall starb? Sieh nur, er lächelt. Hat er an sie gedacht, als das Ende kam?“

© 2001 John McLane

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