Disco

Disco

Schon auf dem Parkplatz dröhnte ihm der Lärm von der Disco entgegen. Menschen liefen auf den Eingang zu, drängten sich davor, wurden von den Türstehern nach Waffen untersucht.

Traurig, das so etwas nötig ist, dachte er. Zu seiner Zeit wurden keine Sicherheitskräfte benötigt. Da gab es schlimmstenfalls mal eine Schlägerei am Wochenende. Mit den Jahren war die Gewaltbereitschaft angestiegen.

Doch er war hier, weil ihn wieder einmal die Einsamkeit seiner Wohnung erdrückte. Seit er nach der Scheidung in seine zwei Zimmer gezogen war, ging er praktisch nur zum Arbeiten aus dem Haus. Das hier heute war eine Ausnahme. Ab in die Disco, abtanzen bis zum Umfallen und anschließend alleine nach Hause. So war der Plan.

Er fühlte die Hände des Türstehers, die ihn abtasteten, bezahlte den Eintritt und betrat die Disco. Geradeaus stand die lange Theke und links ging es zur Tanzfläche, die unter einer Art Gartenpavillon lag. An der Holzabgrenzung blieb er kurz stehen und schaute den Tänzern zu, die sich im Rhythmus zur Musik bewegten. Es war noch früh, so dass sich noch etliche Jugendliche darunter befanden.

Er wandte sich nach links, stieg die kurze Treppe hinauf, wo sich noch eine kleinere Theke befand. Hier hatte er seinen Stammplatz, wenn er wieder einmal den Weg hierher fand. Die Blonde hinter der Bar nickte ihm zu und lächelte. Er kannte sie von einigen Gesprächen bei früheren Besuchen. Mühsam quälte er sich ein Lächeln ab, schwang sich auf einen der Barhocker und bestellte sich eine Orangensaft.

Laute Stimmen bewegten ihn, sich zu dem Tisch links umzudrehen. Ein Pärchen schrie sich über den Tisch hinweg an.

„Du stehst wohl auf den Typen?“

„Auf den? Den kannst du mir nackt vor den Bauch schnallen, dann rühr ich den trotzdem nicht an“, keifte sie zurück.

„Ach ja? Warum starrst du dann die ganze Zeit auf seine Hose? Reicht dir mein Glücksbringer nicht mehr? Du läufige Hündin…“, erwiderte der Mann und griff nach ihrem Arm. Mit einem Ruck befreite sich die Frau.

Mensch, Leute, dachte er. Seid doch einfach glücklich, dass ihr euch habt.

Er drehte sich zur Theke zurück und nippte an seinem Orangensaft. Mehrere Leute kamen, um Getränke zu bestellen, doch er hörte nicht hin. Mit seinen Gedanken war er woanders.

Als er eine Berührung an seinem linken Arm spürte, drehte er sich um.

Die Rothaarige, die neben ihm stand, lehnte sich fester an ihn. Das rote Kleid, das sie trug, verhüllte kaum etwas von ihr. Durch die Schräglage, in die sie das Anlehnen an ihn brachte, war es hoch gerutscht und man konnte bereits den Ansatz ihres knackigen Po’s sehen. Auch ihre Brüste, die von dem Kleid kaum gebändigt werden konnten, waren überaus sehenswert. Ihre langen, roten Haare gingen ihr fast bis zur Taille und ihr Gesicht war wunderschön. Ihre blauen Augen, die gebannt an seinen hingen, versprachen ihm den Himmel auf Erden.

Kurz geriet er in Versuchung, aber er rief sich zur Ordnung. Dafür war er nicht hier. Schon immer war er mehr für eine feste Bindung gewesen. Ein One Night Stand war nicht sein Ding.

Wahrscheinlich werden mich jetzt alle für bescheuert halten, wenn ich sie wegschicke, dachte er kurz.

„Kein Interesse, Süße“, erklärte er ihr und schob sie ein Stück von seinem Körper weg. Ihr Blick, der ihm gerade noch den Himmel auf Erden versprochen hatte, wurde eisig, wechselte zu wütend.

„Für was hältst du mich, du Wichser? Sowas wie dich habe ich nicht nötig. Sehe ich so verzweifelt aus?“

Wütend wirbelte sie herum und stieg mit schwingenden Hüften die wenigen Stufen hinunter zur Tanzfläche.

Er schüttelte den Kopf. Habe ich ein Schild mit der Aufschrift – suche Nachtbegleitung – um den Hals, fragte er sich.

Die Zeit verging. Fast eine Stunde saß er unbeweglich auf seinem Barhocker und hing seinen Gedanken über alles Mögliche nach.

„Hallo, ist der Platz frei?“

Rechts von ihm stand eine Frau und deutete auf den Barhocker. Stumm nickte er und bestellte sich einen weiteren Orangensaft.

„Hat sie dir nicht gefallen?“

Die Frau hatte sich auf dem Barhocker niedergelassen und schaute ihn interessiert an.

„Bitte?“

„Die Rothaarige eben, war sie nicht dein Typ?“

Er schüttelte den Kopf.

„Bemerkenswert“, sagte sie und schaute ihn mit einem leicht ironischen Blick an. „Die wenigsten hätten die von der Bettkante geschubst.“

„Dann bin ich eben unnormal“, antwortete er und wandte sich wieder seinem Getränk zu.

Doch sofort spürte er die Hand der Frau auf seinem Arm. “ Nicht böse sein“, bat sie ihn. „Ich habe mich nur gewundert. Schwul siehst du eigentlich nicht aus. Du scheinst ein außergewöhnliches Exemplar der Gattung Mann zu sein.“

Jetzt drehte er sich zu ihr herum. „Warum? Weil ich nicht mit jeder Frau ins Bett steige? Muss man als Mann immer darauf aus sein, Rekorde aufzustellen? Muss man mehr Frauen als andere in Bett kriegen?“

Sie lächelte plötzlich und ihm war, als ging die Sonne auf. Bisher hatte er sie mangels Interesse noch gar nicht richtig angesehen. Das holte er jetzt schleunigst nach. Sie war ein gutes Stück kleiner als er, nicht viel größer als 1,60 m. Ihre braunen Haare trug sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, wodurch ihr Halsansatz sehr sexy wirkte. Unter dem dünnen Pulli erahnte er kleine, feste Brüste und unter der engen Jeans zeichneten sich die Linien ihrer Beine und des Po deutlich ab. Doch was ihn wirklich fesselte, war ihr Blick. Ihre Augen wirkten rätselhaft. Belustigung, Interesse an ihm, aber auch Ängstlichkeit vermischten sich darin. Die mandelförmigen Augen deuteten auf entfernte Verwandtschaft mit Asiaten hin.

Sie faszinierte ihn. Gegenüber der Rothaarigen war sie ein ganz anderer Typ Frau. Zwar plauderte sie offen und unbefangen mit ihm, doch gleichzeitig spürte er Zurückhaltung und Ängstlichkeit. Er erkannte, wie viel Kraft sie aufbringen musste, um hier mit ihm zu sprechen.

„Ein Mann, der nicht auf Eroberungen aus ist? Interessant…“

Wieder lächelte sie ihr irritierendes Lächeln. Die Musik wurde plötzlich lauter, so dass er sich zu ihr hinüberbeugte, damit sie ihn verstand.

„Und selbst? Auf Männerfang?“

Er wusste selbst nicht, warum er das fragte. In ihren Augen sah er es aufblitzen und er begriff, dass er sie gerade sehr verletzt hatte. Sie schwang sich von dem Barhocker und stürmte an ihm vorbei.

Idiot, schalt er sich selbst.

Hastig warf er Geld auf die Theke und eilte hinter ihr her.

In der Disco fand er sie nicht. Er hastete vor die Tür und sah sich um. Keine Spur von ihr. Achselzuckend machte er sich auf den Weg zu seinem Auto, dass er in der Nähe eines kleinen Parks abgestellt hatte. Als er gerade die Tür öffnen wollte, hörte er ein Schluchzen.

Nicht weit entfernt stand eine Parkbank. Eine kleine, zusammengekauerte Gestalt saß darauf. Mit wenigen Schritten erreichte er die Bank. Da saß sie, den Kopf in den Händen vergraben und weinte. Unentschlossen, was er tun sollte, wählte er die einfachste Möglichkeit. Er setzte sich neben sie.

Er fühlte sich völlig hilflos. Die Tränen hatte er zu verantworten. Am Liebsten hätte er sie einfach in seine Arme geschlossen und festgehalten.

Doch was, wenn sie das nicht wollte?

Entschlossen rutschte er ein Stück näher. Sie schluchzte heftig, als er einen Arm um sie legte, lehnte jedoch ihren Kopf an seine Schulter. Mühsam fummelte er eine Packung Papiertaschentücher aus seiner engen Jeans hervor, zog eins heraus und drückte es ihr in die Hand.

„Danke“, glaubte er durch ihr Schluchzen heraus zu hören.

Sie wischte sich die Tränen ab und senkte den Kopf, ließ ihn jedoch weiter an seiner Schulter ruhen. Froh, dass er ihr gefolgt war, genoss sie die Umarmung und seine Nähe. Sie hatte sich nicht in ihm getäuscht.

Er spürte, wie sie sich entspannte und aufhörte zu weinen. Langsam wollte er den Arm von ihrer Schulter nehmen, doch sie schüttelte den Kopf und hielt ihn fest. Eine Weile saßen sie einfach nur stumm da, bis sie schließlich den Kopf hob.

„Schau mich bloß nicht an“, bat sie ihn. „Ich muss fürchterlich verheult aussehen.“

„Es tut mir…“

Sie hielt ihm einen Finger an die Lippen.

„Entschuldigung unnötig. Danke, das du jetzt hier bei mir bist. Ich habe mich aber auch sowas von blöd angestellt da drinnen.“

Er schüttelte den Kopf.

„Hast du nicht. Ich bin der Vollidiot. Da kommt so ein nettes Mädchen wie du und ich haue so einen Spruch raus.“

Ihr Gesicht verzog sich zu einem Lächeln. „Du findest mich nett? Ernsthaft?“

Unwillkürlich lächelte er zurück und schaute ihr in die Augen, die rundum mit Make Up verschmiert waren. Doch das störte ihn nicht im Geringsten. Im fahlen Licht der Parklaterne ging ihm ihr Blick direkt ins Herz.

„Mehr als das“, entgegnete er mit rauer Stimme.

Ihre Augen strahlten. Vorsichtig beugte sie sich zu ihm hinüber, um ihm einen Kuss zu geben. Ihr Blick wechselte von strahlend auf ängstlich.

Würde er sie küssen oder sie abweisen?

Doch ihre Angst war unnötig. Seine Lippen kamen ihr entgegen und die beiden versanken in einen langen Kuss. Es fiel ihnen schwer, sich voneinander zu lösen. Doch schließlich zog sie entschlossen ihren Kopf zurück.

„Das ist sonst gar nicht meine Art“, erklärte sie ihm. „Ich kenne dich ja gar nicht, habe dich erst vor ein paar Minuten in der Disco entdeckt.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Wie spät ist es eigentlich?“

„Halb zwei“, antwortete er nach einem Blick auf die Uhr.

„So spät schon?“

Sie sprang auf.

„Es tut mir leid, aber ich muss gehen. Mein Sohn ist mit dem Babysitter allein zu Haus. Ich bin schon über die vereinbarte Zeit.“

Er griff nach ihrem Arm, hielt sie fest.

„Werde ich dich wieder sehen?“

„Möchtest du das denn?“

„Mehr als alles auf der Welt.“

Sie muss eingebaute Scheinwerfer in den Augen haben, dachte er lächelnd, als sie ihn mit strahlenden Augen prüfend musterte.

„Ja, ich glaube, du meinst das wirklich ernst“, sagte sie plötzlich ernst. „Warum nicht? Ich komme heute Nachmittag um 15 Uhr mit meinem Sohn hier in den Park. Würde mich ehrlich freuen, wenn ich dich hier treffe. Aber jetzt muss ich los.“

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. Ein letztes Lächeln für ihn und sie eilte davon.

Er sah ihr nach. Eine kleine, zierliche Gestalt, die in der Dunkelheit verschwand. Doch sie ließ ein strahlendes Licht in seinem Herzen zurück. Auch er machte sich auf den Weg zu seinem Auto. Noch einmal blickte er über die Schulter, doch sie war bereits verschwunden. Doch er freute sich auf den Nachmittag. Beschwingt ging er durch den Park.

Plötzlich kreischten Bremsen… ein lauter Knall…

Er wirbelte herum. Das kam aus der Richtung, in die sie gegangen war!

Ohne zu überlegen, lief er los, versuchte das Angstgefühl, dass nach seinem Herzen griff zu ignorieren. Endlich erreichte er die andere Parkseite, die durch eine vierspurige Straße abgegrenzt wurde.

Entsetzt blieb er stehen!

Seine Augen glitten die Straße entlang, sahen das quer stehende Fahrzeug, glitten über die Menschen, die ein Stück von dem Auto entfernt standen. Zwischen ihren Körpern konnte er hindurch blicken und erkannte, das jemand am Boden lag.

Wie in Trance, gleich einem Roboter, setzte er sich in Bewegung. Die Menschen, die ihn ansahen und schweigend eine Gasse für ihn bildeten, nahm er nicht wahr. Sein Blick war auf die zierliche Gestalt dort auf dem Asphalt gerichtet.

Durch die Geschwindigkeit des Wagens und den Aufprall war sie ein ganzes Stück weit geschleudert worden. Sie lag still, Blut rann aus ihrem Mundwinkel und ihre Augen blickten starr in den Nachthimmel. Ihr Lächeln, eben noch so strahlend hell, lag immer noch auf ihren Lippen.

Er brach in die Knie, hörte nicht das Rettungsfahrzeug und die Polizeisirenen, nahm nicht die Stimmen der Menschen neben sich wahr, die mit ihm sprachen.

Alles was er vor seinem geistigen Auge sah, war sie. Nur sie, im Park in seinen Arm gekuschelt, ihr strahlendes Lächeln. Und noch immer fühlte er ihre Lippen warm auf seinen, sah ihren glücklichen Blick, als er erklärte, das er sie wieder sehen wolle. Er konnte die Tränen nicht zurückhalten.

Wie ein Film lief alles immer wieder vor seinem inneren Auge ab. Er fühlte unendlichen Schmerz, einen Schmerz, der ihn noch lange verfolgen würde. Genau wie ihr Bild, dort bewegungslos, blutend auf dem Asphalt…

„Kennen sie die Frau?“

Der Notarzt stand vor ihm und sah ihn an.

„Können sie mich hören? Kennen sie die Frau?“

Der Notarzt rüttelte ihn an der Schulter, während er seine Frage wiederholte. Die Berührung brachte ihn in die Wirklichkeit zurück. Stumm nickte er unter Tränen.

„Sind sie ein Verwandter?“

Er schüttelte den Kopf. „Nur ein Freund“, erklärte er mit brüchiger, tränenerstickter Stimme. „Aber ich kenne noch nicht einmal ihren Namen.“

Verwundert stellte er das fest. Da hatte er dieses wundervolle Geschöpf gehen lassen, ohne nach ihrem Namen zu fragen, und jetzt war sie tot. Der Notarzt schien nicht über die Antwort nachzudenken.

„Die Frau lebt“, verkündetet der Arzt schlicht.

Mit weit aufgerissenen Augen schaute er den Notarzt an, schien das Gesagte nicht zu verstehen. Erst langsam dämmerte ihm, was die Antwort des Arztes bedeutete.

„Sie lebt?“

Er stammelte es ungläubig und fühlte, wie sein Herz einen Sprung machte. Erst als er es selbst aussprach, erfasste er die Bedeutung des Satzes und stemmte sich vom Boden hoch.

„Wie ist das möglich? Sie lag doch da wie tot, atmete nicht mehr…“

Der Notarzt lächelte, als er sah, wie das Leben in ihn zurückkehrte.

„Das Herz hat ausgesetzt, durch den Aufprall und den Schock. So etwas kommt vor. Doch die Sanitäter konnten sie ohne viel Mühe wiederbeleben.“

Ein tiefer Seufzer kam über seine Lippen und plötzlich breitete sich ein strahlendes Lächeln in seinem Gesicht aus. Impulsiv schlang er die Arme um den Notarzt. Jetzt lächelte auch der.

Gemeinsam gingen sie zu der Bahre hinüber, die gerade in den Krankenwagen gehoben wurde.

„Wie schwer ist sie verletzt, Herr Doktor?“

Eigentlich durfte der Arzt diese Frage nicht beantworten, doch er zog ihn am Arm ein Stück vom Krankenwagen weg. Als sie allein waren, fragte er: „Wie gut kennen sie die Frau?“

Wie gut kenne ich sie eigentlich?

Er war nur eine Stunde mit ihr in Berührung gekommen, doch manchmal reichten 5 Minuten für ein ganzes Leben. Also erzählte er dem Arzt von ihrer Begegnung, worauf der eine Entscheidung traf.

„Sie ist mit der Schulter auf den Asphalt geknallt, ihr Schlüsselbein ist gebrochen. wir haben ihr starke Schmerzmittel gegeben, sie wird erst einmal ein paar Stunden schlafen. Sie hat wirklich riesiges Glück gehabt, dass sie nicht mit dem Kopf aufgekommen ist.“

„Aber das Blut in ihrem Mundwinkel…“

„Sie hat sich auf die Zunge gebissen beim Aufprall. Wir bringen sie jetzt erst einmal ins Krankenhaus.“

„Darf ich hinterherfahren und zu ihr?“

Kurz musterte ihn der Arzt noch einmal, nickte aber schließlich.

Sein Herz jubelte. Sie hatte überlebt, zwar verletzt, aber das würde heilen. So blieb ihnen beiden die Chance erhalten. Niemals war er glücklicher gewesen in seinem Leben als in diesem Moment.

*

Er saß in ihrem Krankenzimmer an ihrem Bett, hielt ihre Hand und konnte den Blick nicht von ihrem bleichen Gesicht abwenden. Zumindest schienen sich die Ärzte keine Sorgen um sie zu machen, Frei von allen Geräten zur Lebens- und Herzkontrolle lag sie friedlich mit dick bandagierter Schulter in ihrem Bett. Sie wirkte noch zierlicher als vorher.

Hinter ihm öffnete sich die Tür und eine Frau kam herein, einen kleinen Jungen an der Hand. Die Frau schaute ihn überrascht an. Er stand auf und hielt ihr die Hand hin. „Thomas Ritter“, stellte er sich vor. „Sie scheinen der Babysitter zu sein.“

Die Frau nickte. „Marissa Hansen. Woher wissen sie das?“

„Was ist mit Claire passiert?“

„Wie geht es ihr?“

„Woher kennen sie Claire?“

Ritter musste über die Art, wie sie ihn mit Fragen bombardierte, lächeln. Er beschloss, die Karten auf den Tisch zu legen und erzählte ihr von seiner Begegnung mit Claire.

Überrascht musterte sie ihn. Er ließ es über sich ergehen und schaute ihr offen in die Augen.

Nach einer Weile senkte Marissa Hansen den Kopf. „Tut mir leid, dass ich sie so angestarrt habe“, entschuldigte sie sich, „aber sie müssen wirklich ein besonderer Mensch sein. Claire hat sich nicht mehr um Männer gekümmert, seit ihr Marcs Vater übel mitgespielt hat. Sie hatte wohl einfach die Nase voll. Wenn das, was sie mir erzählt haben, so abgelaufen ist, muss etwas an ihnen Claire dazu gebracht haben, ihnen zu vertrauen.“

„Würden sie mir bitte eine Frage beantworten?“

Die Babysitterin und offensichtliche Freundin von Claire schaute ihn an.

„Wie heißt Claire mit Nachnamen?“

„Hong, ihr Vater war Chinese.“

„Danke“, sagte er mit einem Seufzer. „Wissen sie, ich musste einfach fragen. Als ich glaubte, sie sei bei dem Unfall gestorben, wurde mir klar, dass ich nicht einmal ihren Namen kannte.“

Marissa Hansen nickte verstehend. Plötzlich schien ihr etwas einzufallen und sie schaute nervös auf die Uhr. „Mein Gott, ich muss zur Arbeit, ich bin spät dran. Was mache ich nur mit dem Jungen?“

„Hat Claire keine Verwandten? Oder sein Vater, was ist mit dem?“

„Sie hat keine Verwandten und der Vater hat sich in die USA davongemacht.“

Ritter musterte den Jungen einen Moment und fasste einen Entschluss. „Hören sie, ich weiss, dass ich ein Fremder für sie bin. Warum lassen sie ihn nicht bei mir? Wenn Claire aufwacht, wird sie sich freuen ihn zu sehen. Sie können ja im Schwesternzimmer Bescheid geben, damit man auf mich aufpasst.“

Einen Moment wirkte die Frau unentschlossen. Doch schließlich nickte sie. Kurz ging sie zu dem Jungen, der am Bett stand und seine schlafende Mutter beobachtete. Sie nahm ihn in die Arme. „Marissa muss jetzt zur Arbeit, Marc. Du bleibst mit Herrn Ritter bei deiner Mama und pass mir gut auf sie auf. Das kannst du doch sicher, du bist doch ein großer Junge.“

Marc nickte und schaute zu Ritter hinüber. Der stellte einen Stuhl neben seinen und hob den Jungen hinein.

„Dann gehe ich jetzt und komme später wieder vorbei. Und denken sie dran Herr Ritter, ich sage im Schwesternzimmer Bescheid.“

Doch sie lächelte, als sie das sagte. Er nickte stumm und setzte sich neben den Jungen. Marissa Hansen verließ nach einem letzten Blick das Zimmer und schloss leise die Tür.

*

Claire dämmerte vor sich hin. Vor ihrem inneren Auge sah sie das Auto erneut auf sich zurasen. Und sie begriff, dass sie keine Chance zum Ausweichen hatte. Als der Wagen sie traf, dachte sie an Marc. Und an den Mann, dessen Namen sie nicht einmal kannte. Doch sie fühlte sich fast magisch von ihm angezogen.

Kinderlachen drang an ihr Ohr. Mühsam versuchte sie die Augen zu öffnen. Allerdings bekam sie diese nur einen Spalt breit auf. Genug, um zu erkennen, dass sie in einem Krankenzimmer lag. Sie versuchte, sich auf die Seite zu drehen. Doch der Schmerz, der durch ihre Schulter zuckte, hielt sie davon ab.

Vorsichtig drehte sie den Kopf in die Richtung, aus der noch immer das Kinderlachen erklang. Sie sah ihren Sohn, der lauthals und vergnügt lacht und – ihn -, der gespielt verärgert das Gesicht verzog. Die beiden spielten Schere, Stein, Papier und schienen sich köstlich zu amüsieren. Marc gewann und er schnappte sich den Jungen und kitzelte ihn. Ihr Sohn quietschte vor Vergnügen. Sie lächelte still vor sich hin, während sie die beiden beobachtete. Ihre Augenwinkel schimmerten feucht, als sie die beiden betrachtete.

Eins wurde ihr in diesem Augenblick bewusst und erfüllte sie mit einem wahren Glücksgefühl – alles würde gut werden, da war sie sich sicher.

Erschöpft schloss sie die Augen und versank in tiefen Schlaf.

(c) 2015 John McLane

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